City Talk
Komplexe Karotten

David Gill, Geschäftsführer des aktuellen Premier League-Tabellenführers Manchester United, würde seine Profis gerne wie Investmentbanker bezahlen. Das würde den überbezahlten Beckhams dieser Welt Beine machen, oder?

„Ich kann die Karotte am Ende des Tunnels sehen.” Stuart Pearce, einst eisenharter Linksverteidiger der englischen Nationalelf, heute Trainer von Manchester City ist selbst für einen Vertreter seiner Profession nicht besonders metaphernsicher. Grob gesagt geht es dem Mann, der sich wegen seiner kompromisslosen Spielweise (nicht wegen seiner Rhetorik) den Spitznamen „Psycho” verdiente, um Ziele (Tunnel) und Motivation (Karotte). Tatsächlich scheint Pearce über dieselben Probleme nachzudenken wie die Kollegen beim übermächtigen Lokalrivalen Manchester United. United-Geschäftsführer David Gill scheint zu glauben, dass seine Spieler so ihre Probleme mit Tunnel und Karotte haben. Zumindest würde der Manager des aktuellen Tabellenführers der Premier League die Profis gerne ganz anders bezahlen, eher wie Investmentbanker. Was heißen soll, deutlich geringere Grundgehälter und dafür höhere Boni, vorausgesetzt die Leistung stimmt.

Tatsächlich ähneln sich Investment-Banking und Fußball in vielen Dingen. Aber genau deshalb wird Gills Projekt scheitern. Anreizsysteme funktionieren genau so lange, wie sich alle an die Regeln halten, aber die sind ja nur dazu da, um gebrochen zu werden. Der aktuelle Boom im Investment-Banking sorgt zum Beispiel dafür, dass ein Wort, das eigentlich ein Widerspruch in sich ist, wieder Konjunktur hat: Garantie-Bonus. Um begehrte Fachkräfte zu locken, garantieren die Banken hohe Leistungszulagen für ein, zwei oder drei Jahre, egal wie die Leistung dann tatsächlich ausfällt.

Wie würde Roman Abramowitsch, russischer Milliardär und Eigentümer des Manchester-Konkurrenten FC Chelsea auf Gills Bonussystem reagieren? Würde Abramowitsch sagen: „Toll, das machen wir auch.” Oder hätte United-Star Wayne Rooney plötzlich ein lukratives Angebot mit Garantie-Bonus auf dem Tisch?

In einem Punkt ist Fußball aber tatsächlich komplexer als Investment-Banking. Die Finanzwelt wird im Wesentlichen durch einen einzigen Anreiz strukturiert: Geld. Im Fußball kommt als zweite Größe sportlicher Erfolg hinzu. Stuart Pearce verschoss im Halbfinale der WM 1990 gegen Deutschland den entscheidenden Elfmeter. Was würde Pearce dafür geben, wenn er den deutschen Torhüter Bodo Ilgner damals getunnelt hätte? Einen garantierten Zwei-Jahres-Bonus oder Karotten ohne Ende?

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