City Talk: London
Letzte Grüße aus Davos

In Londons Finanzwelt ist die Stimmung nach dem Weltwirtschaftsforum mies. Wer mit Bankern spricht, die gerade aus den Schweizer Alpen zurückgekehrt sind, bekommt viel Apokalyptisches zu hören. Manche prophezeien schon Massenentlassungen.
  • 0

Fast sieht es so aus, als sei die schlechte alte Zeit nach Davos zurückgekehrt. Heute ist der Wintersportort in den Schweizer Bergen vor allem für das Weltwirtschaftsforum bekannt - jenes jährliche Klassentreffen, auf dem die ökonomische und politische Elite mit Optimismus und Pragmatismus versucht, die ganz großen Probleme des Planeten zu lösen.

Zu Zeiten des Dichters Thomas Mann stand Davos dagegen als Synonym für Krankheit und Verfall. Zu Zeiten von Manns Zauberberg war der Kurort die Kapitale der Lungenkranken. In jenen Zeiten als die Tuberkulose noch als "weiße Pest" bekannt war, grassierte im "Flachland" schon bei einem schwachen Huster der böse Witz "Letzte Grüße aus Davos".

Vor wenigen Tagen verlieh die Fachzeitschrift Euromoney in London ihre Preise für die besten Privatbanker, normalerweise eine fröhliche Party, auf der die Branche sich selbst feiert. Doch dieses Mal überbrachte Euromoney-Chairman Padraic Fallon, gerade aus den Schweizer Bergen zurückgekehrt, eine Botschaft, die man wohl nur mit "Letzte Grüße aus Davos" umschreiben kann.

Fallon fasste die Stimmung auf dem ökonomischen Zauberberg so zusammen: Die Welt steht vor einer tiefen Wirtschaftskrise, Inflation ist kein Problem, die Notenbanker sollten sich vielmehr Sorgen über Deflation machen. Den versammelten Bankern riet er, sich schon einmal darauf einzustellen, dass viele ihrer Freunde in der Branche demnächst nicht mehr an ihren Schreibtischen sitzen würden.

Das Problem an der Sache ist, dass Fallon eigentlich nicht als ein notorischer Schwarzseher bekannt ist. Überhaupt bekommt man zurzeit sehr viel Apokalyptisches zu hören, wenn man mit Bankern spricht, die gerade von ihrer Reise in die Schweizer Alpen zurückgekehrt sind. Was steckt dahinter? Massenhysterie ausgelöst durch zu wenig Sauerstoff in der Höhe der Graubündner Berge? Oder haben die Banker in Davos in diesem Jahr einmal so richtig Tacheles geredet, ganz ohne die üblichen beschönigenden Floskeln?

Die Euromoney-Preisverleihung fand passenderweise in einer ehemaligen Barockkirche im Londoner Eastend statt. Falls Fallon mit seinen Weltuntergangsvisionen recht behält, dann hilft wirklich nur noch beten.

maisch@handelsblatt.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%