City Talk
Londoner Melancholie

Vielleicht kennen Sie ja dieses Gefühl von Silvester: Die Party ist auf ihrem Höhepunkt, alles tanzt, lacht und jubelt, doch plötzlich macht sich ein leichtes Gefühl der Melancholie breit – was mögen die kommenden zwölf Monate bringen? So ähnlich scheint es gerade einigen Investmentbankern in der Londoner City zu gehen, wenn sie auf den Markt für Fusionen und Übernahmen blicken.

Keine Frage, 2006 wird ein neues Rekordjahr. In den ersten sechs Monaten kletterte das M&A-Volumen (Fusionen und Übernahmen) in Europa um fast 30 Prozent auf 720 Milliarden Dollar. Deutlich mehr als zum Höhepunkt des Technologiebooms im Jahr 2000. Warum also melancholisch werden? Vielleicht weil die Statistiker auch ein neues Hoch an geplatzten Kaufofferten verzeichnen? Im ersten Halbjahr kündigten Unternehmen Übernahmen im Wert von 175 Milliarden Dollar an, aus denen am Ende nichts wurde. Zu den prominentesten Fällen zählt der britische Versicherer Aviva, der den Konkurrenten Prudential für knapp 29 Milliarden Dollar schlucken wollte, aber zurückzog, als sich das Objekt der Begierde zierte.

Diese Zahlen sind in der Tat kein gutes Omen für den M&A-Markt, das zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Nur ein einziges Mal im Jahr 1999 wurden noch mehr Deals zurückgezogen. Wenige Monate später platzte die Technologieblase, der Markt für Fusionen und Übernahmen kollabierte. Kein Wunder, dass die Turbulenzen an den Kapitalmärkten in diesem Mai und Juni vielen Bankern einen so nachhaltigen Schrecken in die Glieder gejagt haben.

Ein bisschen Melancholie kann da nicht schaden. Eine handfeste Depression wäre aber übertrieben. Der M&A-Markt mag sich im kommenden Jahr abkühlen, abstürzen dürfte er kaum. Dafür sprechen eine ganze Reihe von Argumenten. Die Unternehmen sind zwar wieder begeisterungsfähig was große Zukäufe angeht, aber bis zur irrationalen Euphorie ist es noch weit. Im Schnitt zahlen die Käufer heute eine Prämie von 20 bis 25 Prozent für einen Zukauf, im Jahr 2000 lagen die Übernahmeprämien zeitweise bei 40 Prozent. Außerdem werden noch immer fast zwei Drittel aller Deals mit Bargeld bezahlt, und nicht wie vor sechs Jahren mit völlig überbewerteten Aktien.

Vielleicht wird 2007 ja doch gar nicht so übel. Sobald der Neujahrskater überstanden ist, sieht die Welt ja meistens viel freundlicher aus.

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