City Talk
Mut zum Risiko

In diesen finsteren Zeiten der Kreditkrise wird man selbst unter den tollkühnsten Investmentbankern der Londoner City kaum noch auf echte Gefahrensucher treffen. Wer wirklichen Unternehmergeist finden will, der muss das Finanzzentrum der Hauptstadt verlassen und auf die Straße gehen, zum Beispiel auf die United Road in Manchester.
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Keine zehn Minuten nach dem Schlusspfiff des Halbfinales der Champions League, das Manchester United denkbar knapp mit 1 : 0 gegen den FC Barcelona gewann, drängelten sich auf der Straße vor dem Stadion Old Trafford schon die fliegenden Händler, um den Fans T-Shirts mit dem Aufdruck "Rote-Armee, Moskau, 21. Mai" zu verkaufen - eine Anspielung auf die feuerroten Manchester Trikots samt Ort und Datum des Champions League Finales in zwei Wochen. Hätte Barcelona in letzter Sekunde noch den Ausgleich geschossen, wären die Katalanen zum Endspiel nach Moskau gefahren, und die mutigen Händler hätten ihre frisch gedruckten T-Shirts verbrennen können.

Hat die Verkäufer auf der United Road der gleiche Wahnsinn gepackt, wie die Investmentbanker vor der Subprime-Krise? Litten auch sie unter einer ungesunden und gefährlichen Lust am Risiko? Wohl kaum, wahrscheinlich setzten die Straßenhändler völlig zu Recht darauf, dass die siegestrunkenen Fans bei der Auswahl der Souvenirs nicht allzu preissensibel sein werden. Außerdem lassen sich die Chancen der Wette auf einen United-Sieg gegen Barcelona dann doch etwas leichter ausrechnen als die Risiken der hochkomplexen Kreditderivate, die im Zentrum der Subprime-Krise stehen. Vielleicht hat sich der eine oder andere Händler ja auch gehedged, indem er ein paar Barcelona-Moskau-Hemdchen gedruckt hat, nur um das Verlustrisiko ein wenig zu senken.

Man muss auf jeden Fall davon ausgehen, dass die T-Shirt-Verkäufer ihre Chancen fair und rational berechnet haben, denn anders als die Banken, würde ihre Pleite kaum die Stabilität des Finanzsystem gefährden. Hätte Barcelona gewonnen, hätten die Händler wohl keine Chance, wenn sie jammern würden, dass sie die Regeln und Risiken der Champions-League leider nicht so genau verstanden hätten, und dass Regierung und Zentralbank ihnen doch bitteschön aus der finanziellen Patsche helfen sollen.

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