City Talk
Negative Dialektik

Wahrscheinlich hätte der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel seinen Spaß am gegenwärtigen Zustand der Weltwirtschaft, auch wenn es sich zugebener Maßen vor allem um Schadenfreude handeln würde. Als alter Dialektiker wüsste Hegel aber sicher zu schätzen, wie sich zwei der drängendsten ökonomischen Probleme derzeit präsentieren: Die große Kreditkrise und die galoppierende Inflation.

Beginnen wir mit der Kreditkrise: Als findige Finanzingenieure begannen, einfache Kredite in immer komplexere Derivate zu verwandeln, die sie über die Märkte verkauften, da hofften Optimisten, dass das Weltfinanzsystem stabiler würde, weil die Last der Risiken auf mehr Schultern verlagert würde. Das stimmte zwar, aber leider behielten auch die Pessimisten recht. Sie warnten, dass Banken viel zu wagemutig würden, wenn sie für Kreditrisiken, die sie schaffen, nicht selbst geradestehen müssen.

Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit der Inflation. Jahrelang hielten die Emerging Markets die Teuerungsraten niedrig, weil sie dank günstiger Arbeitskosten und freier Kapazitäten den Industriestaaten eine Welle billiger Importe bescherten. Doch das Blatt hat sich gewendet. Der Rohstoff- und Nahrungsmittelhunger der rasant wachsenden Schwellenländer sorgt für Inflationsraten, die düstere Erinnerungen an die Wirtschaftskrisen der 70er Jahre wecken.

So weit so dialektisch, bleibt die Frage, wie der Hegelsche Weltgeist diese Widersprüche am Ende auflösen will. Leider wird sich die Uhr kaum zurückdrehen lassen. Die beste aller ökonomischen Welten mit stetigem Wachstum bei stabilen Preisen ist unglücklicherweise wenig wahrscheinlich. Plausibler sind Szenarien, die von einer längeren Schwächephase in den USA ausgehen. Das hässliche R-Wort wird noch öfter zu hören sein als bisher. Einige Volkswirte sehen etwa Großbritannien wegen der Spätfolgen der Kreditkrise bereits in Richtung Rezession taumeln. Gleichzeitig sind den Zentralbanken wegen der hohen Preissteigerungsraten die Hände gebunden, sie können kaum mit kräftigen Zinssenkungen gegensteuern. Angesichts dieser düsteren Gemengelage ist kaum zu erkennen, woher die Impulse für eine rasche Erholung der Weltwirtschaft im nächsten Jahr kommen sollen. Die Dialektik der Ökonomie scheint vor allem negativ zu sein.

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