City Talk
Rückzug ins Private

Erinnert sich noch jemand an die Aktienkultur? Das ist jene Kultur, die es anders als Gesprächskultur, Leitkultur und zig andere Kulturen in Deutschland nie so richtig gab. Die deutsche Aktienkultur keimte als zartes Pflänzchen zwischen circa 1997 und 2000. Dann kam die große Börsenkrise und pflügte alles unter.

LONDON. Aber das ist auch gar nicht so schlimm. Denn heute ist es keine Schande, wenn es mit der Kapitalmarktkultur nicht richtig klappt. In London und New York pflegt die Avantgarde der Investoren längst den Rückzug ins Private. Das wirkliche Geld wird im Schatten und Halbschatten der öffentlichen, regulierten Märkte mit alternativen Investments verdient, mit Hedge-Fonds, Private Equity und komplexen Derivaten, die längst nicht mehr von Finanzexperten, sondern von Physikern und Mathematikern konstruiert werden.

Wichti

gste Triebfeder für den Boom der Alternative Investments ist die üppige, Skeptiker würden sagen überbordende Liquidität im Weltfinanzsystem. Dank der historischen Niedrigzinsphase suchen jeden Tag viele Milliarden Euro, Dollar und Pfund nach neuen, lukrativen Anlagemöglichkeiten.

Ironischerweise ist es die Effizienz der öffentlichen Kapitalmärkte, die die Investoren ins Abseits treibt. Die Börsen funktionieren als Maschinen zur Informationsverarbeitung fast perfekt. Aber wenn alle Investoren zur gleichen Zeit dasselbe wissen, wird es schwierig, Geld zu verdienen. Da ist im Dunkeln besser munkeln.

Das Wachstum der Schattenwirtschaft ist atemberaubend. Bis zu 1,7 Billionen Dollar sollen Hedge-Fonds inzwischen verwalten. An manchen Tagen sind sie für die Hälfte des Handels an den Börsen in London und New York verantwortlich. Der Markt für Kreditderivate, vor fünf Jahren eine vernachlässigbare Größe hat heute ein Volumen von 26 Billionen Dollar.

Kein Zweifel, viele der neuen Instrumente und Vehikel haben die Finanzwelt effizienter, ja wahrscheinlich sogar robuster gemacht, weil sich Risiken heute in vielfältiger Form neu verpacken und weiterverkaufen lassen. Aber weil die Verwertungsketten immer länger und komplexer werden, weiß auch keiner genau, wer am Ende den Schwarzen Peter in der Hand hält, sollte es zu einer akuten Krise kommen. Hoffentlich spricht die nächste Investorengeneration nicht von der großen Liquiditätsblase, so wie wir von der Technologieblase sprechen.

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