City Talk
Schöne neue Welt

Die langen Reihen von Tradern in der Londoner Stock Exchange sind vom Aussterben bedroht, denn der so genannte Programmhandel gewinnt rasant an Bedeutung.

LONDON. Wer schon immer geglaubt hat, dass Politiker von gestern sind, wird die folgenden Zeilen gerne lesen. Nicht nur Touristen, auch politische Würdenträger aus dem Ausland klopfen von Zeit zu Zeit bei der London Stock Exchange (LSE) an und fragen, ob sie anlässlich ihres Besuchs in der britischen Hauptstadt nicht einmal einen Blick auf das Parkett der wichtigsten europäischen Aktienbörse werfen könnten. Im Prinzip hätte die LSE ja nichts dagegen; die Sache hat nur einen Haken: das Parkett wurde schon vor vielen Jahren ausrangiert. Doch Symbole sterben nur langsam, wenn überhaupt. Und für viele sind hektisch brüllende Händler in bunten Jacketts mit einem Knäuel Orderzettel in der Hand eben noch immer das Sinnbild für den Börsenkapitalismus. Doch dieses Symbol ist das Relikt einer vergangenen Epoche. Ein aktuelleres Bild wäre der Handelssaal einer Großbank: lange Reihen von Tradern, die mit zwei Telefonen jonglieren, während sie versuchen, mehrere Bildschirme mit Kursen und Kurven im Auge zu behalten.

Doch auch diese Welt ist vom Aussterben bedroht. Schon bald könnte das korrekte Abbild für das Universum des Wertpapierhandels ein Reinraum sein, darin leise vor sich hin schnurrend eine Batterie Großrechner. Dazu vielleicht noch ein oder zwei menschliche Betreuer in weißen Kitteln, die sich um das Wohlergehen der Computer kümmern. Der so genannte Programmhandel gewinnt rasant an Bedeutung. Rechnergesteuerte Programme reagieren in Sekundenbruchteilen auf Informationen aus der Wirtschafts- und Finanzwelt und überschwemmen die elektronischen Abwicklungssysteme der Börsen mit einer Myriade von kleinen und kleinsten Orders. Damit garantiert keine Zeit verloren geht, werden inzwischen selbst die Informationen, die die Basis für die elektronischen Geschäfte bilden, von Computern erzeugt. Der Informationsdienst Thomson Financial hat eine Software entwickelt, die Gewinnmeldungen amerikanischer Unternehmen in eine Nachricht übersetzt. Die Schlüsselwörter dieser „Artikel“ sind der Input für den Programmhandel. Maschinen füttern Maschinen, die mit Maschinen handeln. Die ersten Studien sagen bereits das Aussterben der Berufsgattung Börsenhändler voraus. Die müssten dann wohl auf Mathematiker oder Physiker umschulen. Denn diese Spezies entwickelt die hochkomplexen Modelle, die den Computern sagen, ob sie kaufen oder verkaufen sollen.

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