City Talk
Schwarze Löcher

Leerverkäufe sind in Verruf geraten. Bei dieser Art von Spekulation leihen sich Händler Aktien von anderen Börsianern und verkaufen sie in der Hoffnung, Profit zu machen, wenn der Kurs fällt. Das kann den Abwärtstrend einer Aktie dramatisch beschleunigen. Ist es also richtig, Leeverkäufe temporär zu verbieten?

Erinnert sich noch jemand an die Weltuntergangsangst, als der große Teilchenbeschleuniger am Forschungszentrum Cern seinen Betrieb aufnahm? Genau: einige Wissenschaftler befürchteten, dass die Mega-Maschine ein schwarzes Loch gebären werde, in dem die Welt untergeht. Ganz so schlimm ist es nicht gekommen. Aber kann es wirklich Zufall sein, dass, sobald die Cern-Forscher ihren Apparat anwarfen, Hunderte von Milliarden Dollar und ganze Banken plötzlich in schwarzen Löchern versanken? Und kaum geht der Beschleuniger kaputt, legt US-Finanzminister Henry "Hank" Paulson seinen Rettungsplan auf den Tisch, und Bankaktien schießen wieder in die Höhe.

Merkwürdig, sehr merkwürdig. Aber die Finanzkrise gebiert noch merkwürdigere Merkwürdigkeiten. Zum Beispiel das quasi weltweite Verbot von Leerverkäufen von Bankaktien, mit dem die Regulierer den Schwarzen Peter für das Chaos an den Märkten den Hedge-Fonds zuschieben. Die hätten mit ihren Spekulationen auf fallende Kurse den Absturz verschärft, wenn nicht sogar ausgelöst. Mit dem Eingriff wollen die Regulierer unter anderem die letzten beiden großen Wall-Street-Häuser Goldman Sachs und Morgan Stanley unter Artenschutz stellen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn die beiden gehören nicht nur zu den wichtigsten Prime Brokern, zu jenen Banken also, über die die Hedge-Fonds ihre Geschäfte abwickeln. Goldman und Morgan Stanley betreiben auch selbst Hedge-Fonds, und sie gehören zu den großen Spielern im Geschäft mit dem Verleih von Aktien, ohne den die Leerverkäufe der Spekulanten gar nicht möglich wären.

Interessanterweise gibt es bislang kaum Beweise für die Schuld der Hedge-Fonds. Neue Daten zeigen, dass das Niveau der Leerverkäufe von Finanzaktien in den kritischen Septemberwochen kaum höher lag als im August. Wer aber hat dann massenhaft Bankwerte auf den Markt geworfen? Aller Wahrscheinlichkeit nach ganz normale Investmentfonds, die Angst hatten, dass die Beteiligung an den maroden Banken ihre Performance verdirbt.

Mit dem Verbot haben die Regulierer nicht nur einen ordnungspolitischen Fauxpas begangen, sie untergraben auch das Vertrauen in die Märkte weiter. Denn die Aktion zeigt vor allem eines: Die Verzweiflung der Politik, der langsam aber sicher die Mittel im Kampf gegen die Krise ausgehen.

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