City Talk
Unerwünschte Nebenwirkung

Völker hört die Signale. Von Zeit zu Zeit besinnt sich die britische Labour-Partei auf ihre sozialistischen Wurzeln und wagt einen kleinen, in der Regel für alle Beteiligten harmlosen antikapitalistischen Ausfall. Dieses Mal traf die Überraschungsatttacke die Investmentbanker.

LONDON. Die Bonuszahlungen in der Branche seien „exzessiv“ und „lächerlich“, führten zu einer „kranken Gesellschaft“, und müssten deshalb gekürzt werden, befand die Staatssekretärin Harriet Harman auf dem Labour-Parteitag. Natürlich sind Harmans Bemerkungen hemmungslos populistisch, und natürlich denkt Labour nicht ernsthaft darüber nach, die Boni zu beschränken. Dazu ist die Finanzbranche als eine der letzten Schlüsselindustrien mit einem Anteil von 8,5 Prozent an der Wirtschaftsleistung viel zu wichtig. Geht Harmans Angriff also völlig ins Leere?

Keine Frage, die Summen, die zur Debatte stehen, sind enorm. In diesem Jahr sollen die Boni in der City die Grenze von sieben Milliarden Pfund überschreiten. Übertrieben? Vielleicht. Unmoralisch? Nein. Investment-Banking ist ein Spiel mit einfachen, transparenten Regeln. Jahr für Jahr schütten die Banken etwa die Hälfte der Gewinne an ihre Angestellten aus, egal wie die Geschäfte laufen. Geht es den Banken gut, geht es den Bankern gut. Und geht es den Bankern gut, hat auch die Gesellschaft etwas davon. Denn die City-Boni werden natürlich besteuert, mit bis zu 40 Prozent. Bei sieben Milliarden Pfund wären das knapp drei Milliarden für die öffentlichen Kassen. Dazu kommt die Tatsache, dass die Banker nicht gerade als Konsummufffel bekannt sind. Ein großer Teil der Milliarden wird schnell recycelt.

Aber natürlich hat Harman in einem Punkt die Wahrheit zumindest gestreift. So viel geballter Wohlstand geht an der Gesellschaft nicht spurlos vorüber, zumal wenn so viel Geld in einem geographisch eng begrenztem Raum wie London und näherer Umgebung ausgeschüttet und ausgegeben wird.

Unerwünschte soziologischen Nebenwirkungen gibt es reichlich. Von offenen Stellen im öffentlichen Dienst, die nicht besetzt werden, weil der Lohn nicht reicht, um sich das Leben in der Hauptstadt leisten zu können, bis hin zu südenglischen Dörfer, die die meiste Zeit fast leer stehen, weil die malerischen Cottages inzwischen von City-Bankern nur noch als Wochenendhäuschen genutzt werden.

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