City Talk
Verpasste Gelegenheiten

Es gibt wohl wenig deprimierendere Dinge im Leben als verpasste Gelegenheiten. Wie bitter ist es, dann, wenn alles zu spät ist, über „hätte“, „wäre“ und „wenn“ nachzugrübeln. Genau dieser Form von Trauerarbeit widmen sich jedoch derzeit einige Investoren und Investmentbanker in der Londoner City mit bemerkenswerter Energie.

p>Konkret dreht sich die hitzige Diskussion um einige Übernahmeangebote von Private-Equity-Gesellschaften, die am Widerstand der potenziellen Opfer scheiterten. Paradebeispiel ist der TV-Sender ITV. Anfang 2006 ließ Vorstandschef Charles Allen eine Gruppe von Finanzinvestoren abblitzen, die 130 Pence je Aktie geboten hatten. Allen hatte seinen Aktionären versprochen, als börsennnotierte Gesellschaft könne ITV das langfristige Potenzial besser ausschöpfen. Die Betonung muss auf langfristig gelegen haben. Heute ist die Aktie weniger als 100 Pence wert.

Allen steht deshalb auf der Kippe. Aber hat er falsch gehandelt, hat er das instinktive Streben des Spitzenmanagers nach Unabhängigkeit über die Interessen seiner Aktionäre gestellt?

Schaut man rein auf den Börsenwert von ITV, der mit der weichenden Fusionsphantasie absackte, deutet alles in diese Richtung. Doch die eigentliche Frage in dieser Diskussion lautet: Was können Finanzinvestoren besser als die Manager börsennotierter Gesellschaften? Hätte ITV ein Finanzproblem, könnten Private-Equity-Investoren mit ihren guten Drähten sicher viel bewirken. Aber ITV hat ein strategisches Problem, der Sender leidet unter enormen Einbußen bei Werbeerlösen und Marktanteilen. Ob Finanzprofis hierfür die Lösung hätten, ist fraglich.

Doch die Beteiligungsgesellschaften haben ein anderes As im Ärmel. Sie können ein Unternehmen in aller Ruhe sanieren, ohne sich alle drei Monate vor aufgebrachten Aktionären und nörgelnden Analysten rechtfertigen zu müssen. Private-Equity-Investoren können sich ungestört vom Rauschen der täglichen Börsenhektik auf das konzentrieren, was ITV–Chef Allen so gerne möchte: langfristig den Firmenwert steigern.

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat das schon vor fünf Jahren erkannt, als er sich strikt weigerte, Quartalsberichte vorzulegen. Wiedeking nahm lieber den Verweis aus dem MDax in Kauf. Aus dem Porsche-Chef wäre wohl auch ein guter Finanzinvestor geworden.

Michael Maisch ist Korrespondent des Handelsblatts in London

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