City Talk
Verräterisches Teleobjektiv

Experten haben Jahrzehnte geforscht, um Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, die Menschen zerstören, aber die Gebäude intakt lassen. Man nennt diese Waffen Hypotheken." Das Bonmot des britischen Komikers Jeremy Hardy klingt wie das perfekte Motto für die Kreditkrise und den drohenden Immobiliencrash, vor dem sich die Briten fürchten.

Allerdings machte Hardy seine Beobachtung bereits Anfang der 90er-Jahre, als Großbritannien von der letzten schweren Hypothekenkrise heimgesucht wurde, die das Land in eine Rezession stürzte.

Wer wissen will, wie schlimm es dieses Mal auf der Insel steht, der braucht ein Teleobjektiv. Vor wenigen Tagen machte sich die für den Häusermarkt zuständige Staatssekretärin Caroline Flint auf den Weg zur Kabinettssitzung in die Downing Street Number 10. Locker hielt sie dabei eine Klarsichtmappe mit ihren Redenotizen in der Hand. Die versammelten Fotografen drückten auf den Auslöser - und einer stellte nicht auf Flint scharf, sondern auf die Mappe in ihrer Hand. Dank fotografischer Vergrößerungskunst ist seither klar, was die Labour-Regierung wirklich über die Lage am Immobilienmarkt denkt.

Flints Notizen offenbaren, dass die britischen Hauspreise dieses Jahr um fünf bis zehn Prozent fallen werden. Und das ist nur das optimistische Szenario. "Wir wissen nicht, wie schlimm es werden kann, aber wir müssen uns darauf vorbereiten, dass sich die Lage weiter verschlechtert", verkündete die Staatssekretärin ihren Kabinetts-Kollegen - und unfreiwillig der ganzen Nation.

Anfang der 90er-Jahre sackten die britischen Immobilienpreise verteilt über mehrere Jahre um insgesamt etwa 25 Prozent ab, Flints Szenario von einem Minus von zehn Prozent allein 2008 birgt also ein ernstes Konjunkturrisiko. Entsprechend ungern wird der schwer angeschlagene Labour-Premier Gordon Brown die Botschaft gehört haben. Zumal die schlechte Nachricht vom Immobilienmarkt nur eine von vielen aus dem Hause Hiob ist. Der Inflationsdruck ist so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr, wichtige Teile der britischen Ökonomie stagnieren. Dazu kommen Massenentlassungen im Finanzsektor. Fast sieht es so aus, als hätten Hardies Massenvernichtungswaffen ihr erstes prominentes Opfer im Visier: Premierminister Brown, den die Hypothekenkrise sein schmuckes Häuschen in der Downing Street kosten könnte.

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