City Talk
Zwischen Gier und Angst

Investmentbanken gelten als unbeugsames, gallisches Dorf im Imperium des Kapitalismus: So wurde in London den Mitarbeitern dieser Banken ein großer Teil der Gewinne als Bonus ausbezahlt, statt damit Aktionäre zu beglücken. Besagte Mitarbeiter bekommen aber nicht genug davon, sich möglichst teuer zu verkaufen – und das aus gutem Grund.

LONDON. Der Klassenkampf ist längst entschieden. Das Proletariat ist besiegt, die kalte Hand des Kapitals hat die ganze Welt fest im Griff. Die ganze Welt? Nein, eine Branche leistet heldenhaften Widerstand. Mit kluger Infiltration und perfider Guerillataktik unterhöhlen die Rebellen die Interessen des Aktienkapitals.

Die Rede ist natürlich von den Investmentbankern, den mächtigsten Arbeitnehmern in der langen Geschichte der abhängigen Beschäftigung. In welcher anderen Industrie würden die Aktionäre akzeptieren, dass die Hälfte der Gewinne an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden?

In diesem Jahr waren das in der Londoner City satte neun Milliarden Pfund – so viel wie noch nie. Damit nicht genug, die Aktionäre der großen Investmentbanken müssen sich nach der Sozialisierung der Profite auch noch das Gejammere der vermeintlich zu kurz gekommenen anhören. Trotz der Rekordausschüttung waren nur vierzig Prozent der Banker mit ihrem Bonus zufrieden. Viele der monetär Benachteiligten werden sich jetzt schleunigst nach einem neuen, besser bezahlten Job umsehen. So wollen es die ehernen Gesetze der Branche.

Der Markt boomt, und solange er das tut, nutzen die Banker ihre Macht schamlos aus. Das ist ihr gutes Recht, denn als Unternehmer ihrer Arbeitskraft müssen sie das Maximum herausholen, solange ihre hoch spezialisierten Fähigkeiten gerade in Mode sind. Das kann sehr schnell vorbei sein. Denn nach dem Boom kommt die Übertreibung und nach der Übertreibung der Abschwung und mit ihm die Entlassungswellen. Es gibt wohl nur wenige Gewerbe, in denen die Wechselbäder zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt so heftig ausfallen wie im Investment-Banking.

Der ewige Kreislauf von Angst und Gier zehrt an den Nerven, und Geld alleine macht ja bekanntlich auch nicht glücklich. Das ist inzwischen sogar statistisch bewiesen. Eine britische Umfrage kommt zu dem Schluss, dass Banker selbst in diesen goldenen Zeiten keine zufriedenen Menschen sind. Am glücklichsten in ihrem Beruf sind die britischen Friseure. Drei von fünf Barbieren wollen nach einem freien Tag unbedingt wieder ans Haareschneiden gehen. So glücklich, sind die Friseure, dass sie trotz bescheidener Löhne keinen Gedanken an Klassenkämpfe aller Art verschwenden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%