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Club der Prätentiösen

Oldtimer-Besitzer und-Enthusiasten erwartet ein großes Jahr. Die automobile Nostalgie boomt. Klassische Oldtimer-Events werden wiederbelebt. Das Weekend Journal präsentiert die besten Veranstaltungen.

Der Weg ist das Ziel: Bei Oldtimer-Events geht es nicht um den ersten Platz, sondern das Erlebnis. Deshalb dürfen sogar beim wichtigsten deutschen Wettkampf, dem AvD-Oldtimer Grand Prix, auch Anfänger mitmachen: Die Veranstalter kleben ihnen einfach ein gelbes Quadrat aufs Heck. "Erfahrene Piloten sehen dann sofort, dass sie mit einem unerwarteten Manöver rechnen müssen", erklärt Organisator Johannes Hübner. Und umfahren die Frischlinge weiträumig.

Vor drei Wochen brausten insgesamt 500 historische Boliden aus 19 Nationen ein Wochenende lang über den Nürburgring: Profi-Rennfahrer, Liebhaber und Oldie-Einsteiger. Ältester Teilnehmer war ein Bugatti T51 von 1926. Fast 68 000 Oldie-Enthusiasten tummelten sich an der Strecke.

Oldtimer-Treffen, -Rennen und-Rallyes erfreuen sich großer Beliebtheit: Die wenigen glücklichen Besitzer zeigen, was sie haben - Tausende Fans schauen verzückt zu. Und nach der Ausfahrt im historischen Liebling können Sammler herrlich über Motoren, Karosserien und seltene Ersatzteile fachsimpeln.

Die Oldtimer-Gemeinde erwartet ein heißer Spätsommer: Im September ziehen die Automobilisten erst einmal weiter in die Vorderpfalz, wo der ADAC die alte Meisterschaftsrallye aus den Siebzigern als Klassik-Event wiederbelebt hat. Dann an den Tegernsee, zur jährlichen Versammlung des Allgemeinen Schnauferl-Clubs (ASC), der seinen Namen dem Motorengeräusch der Altertümer verdankt. Gleich anschließend lädt der Deutsche Automobil-Veteranen-Club (DAVC) zum Meeting nach Berlin.

Oldie-Fans wie der Unternehmer Theo Wellmann aus Herbern bei Hamm freuen sich besonders, dass Strecken wie die Rallye Vorderpfalz eine Renaissance erleben. "Da stimmt der sportliche Anspruch, und man trifft solche alten Hasen wie Walter Röhrl wieder." Im Oldtimer-Boom der letzten Jahre sind nach Meinung des Kenners viele Strecken hinzugekommen, bei denen die Show wichtiger ist als der Sport: "Ich will keine Spazierfahrt mit perfektem Bordbuch, das mir jeden Meter genau vorschreibt", sagt Theo Wellmann. "Interessant wird es doch erst, wenn man auf einer nebligen Passstraße in jeder Minute auf die Anweisungen des Beifahrers angewiesen ist."

Der passionierte Oldtimer-Sammler fährt jedes Jahr bei etwa zehn Rallyes mit. In der Garage des Unternehmers stehen ein Alvis von 1932, ein Morgan von 1954, ein 58er Austin Healey und ein Morgan Super Sport von 1961. Seine erste Rallye fuhr Wellmann in der 60er-Jahren - mit einem Volvo PV 544.

Wellmanns Lieblingsstrecke ist die Rallye Monte Carlo Historique, die vom deutschen Automobilclub AvD ausgerichtet wird. Start ist abwechselnd in Bad Homburg oder am Nürburgring. Die Route führt durch Frankreich, vorbei an Lyon, über die französischen Alpen bis nach Monte Carlo. "Das Gefühl, frühmorgens, wenn es noch dunkel ist, über eine Passstraße zu fahren, wenn nur die Scheinwerfer schmale Tunnel in die dunstige Luft graben, ist einfach unbeschreiblich", schwärmt Wellmann.

Aber auch für Anfänger ohne Oldtimer sind Rallyes ein guter Einstieg in den Oldtimersport, meint AvD - Experte Johannes Hübner: "Man sollte einfach mal durchs Fahrerlager gehen und die Ohren aufsperren. Die meisten Fahrer sind sehr offen und geben gerne Tipps, wie man an einen Wagen kommt oder sich auf ein Rennen vorbereitet."

Wer im kommenden Jahr bei der berühmten Bavaria Historic durch Oberbayern und Österreich mitfahren will, muss sich ab Januar 2004 langsam anmelden: Die Ausschreibung für die Sommer-Rallye beginnt schon sechs Monate vor dem Start. Auf die 160 Teilnehmer-Plätze kommen fast immer doppelt so viele Bewerber. "Wir versuchen, die Teilnehmer so auszusuchen, dass wir möglichst viele verschiedene Wagen haben", sagt Rudolf Vogler vom Automobilclub Südbayern.

Dass das gemeldete Auto nicht nach 1971 vom Band gerollt sein darf, versteht sich von selber. Dafür ist das Starterfeld dann auch eine Augenweide für jeden Oldtimer-Fan: Bentley blinkt neben As-ton Martin, Bugatti blitzt neben Jaguar.

Noch härter wird bei der Mille Miglia gesiebt, dem italienischen Elite-Rennen, ausgerichtet vom Automobilclub Brescia. Wer keinen seltenen Wagen fährt, kein Filmstar ist oder nicht über gute Kontakte zu den italienischen Veranstaltern verfügt, hat schlechte Karten. Teilnehmen dürfen bei der Oldie-Veranstaltung ausschließlich Modelle, die hier bereits in den Jahren zwischen 1927 und 1957 am Start waren. Der Hammer Oldtimer-Fan Theo Wellmann durfte erst einmal als Beifahrer bei der "Mille" mitmachen.

Exklusiver sind wohl nur noch Exoten-Events wie das jährliche Treffen von Kompressor-Club und Maybach-Club. Wer hier Mitglied ist, besitzt nicht selten mehrere der Karossen, die schon zu ihrer Zeit Höchstpreise erzielten. Die Versammlung gleicht einem Familien- treffen: Der ehemalige Firmenchauffeur Horst Müller kutschiert seine Ex-Chefin Liselotte MaybachHengstl im SW 42, Baujahr 38, durch die Gegend. Sie ist die Tochter des Firmenpatrons Karl Maybach. Das tut er natürlich ganz stilecht in grauer Chauffeurslivree. "All die alten Wagen nebeneinander zu sehen ist einfach wunderbar", sagt der 64-Jährige gerührt.

Der Präsident des Kompressor-Clubs Ernst-Dieter Beeh fährt im Mercedes 400 vor, Baujahr 1929. In diesem Jahr tuckerten 30 solcher Schönheiten vom Kompressor Typ 680 S von 1927 bis zum 12-Zylinder Maybach "Zeppelin" aus dem Jahre 1938 von Murnau nach München. Abends traf sich die geschlossene Gesellschaft dann zum Diner. Und schwärmte bei Hummersüppchen und Paté vom prätentiösen Fuhrpark vor der Tür.

Damit ist die dreiteilige Serie abgeschlossen.

Quelle: Handelsblatt

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