Coach Funkel bleibt wie immer auf dem Teppich
Euphorische Köln-Fans – rationaler Trainer

Als die Bundesliga-Rückkehr endlich feststand nach dem Sieg gegen St. Pauli, träumten die entrückten Fans des 1. FC Köln in ihren karnevalesken Gesängen schon wieder vom ganz großen Fußball, von Real Madrid und Manchester United, von Beckham statt Burghausen und von Raúl statt Reutlingen.

KÖLN. Und dabei feierten sie enthusiastisch den Aufstieg mit langen Autokorsos in der Innenstadt bis tief in die Nacht, obwohl es Montag war und nächsten Morgen am Arbeitsplatz ein veritabler Kater drohte. Der Kölner Fan, er ist halt hingebungsvoll und ungebremst wie kaum ein anderer in Deutschland. Dabei hatte ihr "FC", wie der Klub nur genannt wird, doch nur den Auftrag erfüllt, der ihm vor der Saison erteilt worden war.

"Wir hätten die Lizenz auch für die Zweite Liga bekommen. Aber es wäre unsäglich schwierig geworden", sagte Präsident Albert Caspers erleichtert, "das neue Stadion, die Mannschaft - das alles wäre ohne Bundesliga auf Dauer nicht zu finanzieren gewesen". Bei einem Scheitern dieses Vorhabens, das betonte auch Trainer Friedhelm Funkel, "wäre die Mannschaft auseinander gebrochen", ein ähnlicher üppiger Etat in Höhe von 36 Millionen Euro zudem außer Reichweite gewesen. "Wir mussten einfach aufsteigen", so der wenig temperamentvolle Funkel, der angesichts des Erfolges erstmals so etwas wie Zuneigung erfuhr in Köln. Der Druck sei auch für ihn viel größer gewesen als seinerzeit bei Bayer Uerdingen oder beim MSV Duisburg, mit denen er insgesamt drei Mal den Sprung in Liga Eins geschafft hatte.

Um so bemerkenswerter, dass in dieser Spielzeit - in der es um so viel ging - innerhalb des Klubs eine für ihn untypische Sachlichkeit registriert werden konnte. "Das Jahr war ruhig wie selten", wunderte sich Verteidiger Carsten Cullmann, "es gab kein Theater, keine Skandale". Mitverantwortlich für diese ungewohnte Ruhe war sicherlich der Umstand, "dass es eigentlich nie eng wurde für uns", wie Kapitän Dirk Lottner stolz anmerkte. Die sportlichen Leistungen boten so potenziellen Kritiker wenig Angriffsfläche, obwohl die Mannschaft mit spielerischen Bravourstücken geizte und oft nur mit schnöden Standards und Cleverness zum Erfolg kam. Eine Tatsache, die an der großen Erwartungshaltung der Fans an den Klub für die Bundesliga nichts ändert.

Auch der Manager ist sich dieses Dilemmas bewusst. Andreas Rettig, hat der Kölner Stadtanzeiger in den Aufstiegsjubels hinein konstatiert, befindet sich "in der misslichen Lage, Bescheidenheit predigen und Erfolg haben zu müssen". Es ist in der Tat ein Spagat, angesichts der ruhmreichen Vergangenheit des Klubs, auch wenn die letzte Meisterschaft unter Hennes Weisweiler schon vor einem Vierteljahrhundert begossen wurde. Die Fans honorieren das phantastische neue Stadion, das 2004 fertig ist und dann 52 000 Zuschauern Platz bietet, aber auf Sicht eben nur in der Bundesliga und am besten bitte schön auf europäischer Ebene.

Rettig, seit dem Ende der Abstiegssaison 2001/02 in Köln tätig, begegnet solchen Wünschen mit fast radikaler Kälte: "Sprücheklopfen allein bringt keine Punkte", sagt er dann, und dass allein der Klassenerhalt das Ziel sein könne. Im Gespann mit Funkel hat Rettig, der das Manager-Handwerk bei Reiner Calmund lernte und dann erfolgreich beim SC Freiburg arbeitete, teilweise "harte Entscheidungen treffen müssen". So müssen sich Torwart Markus Pröll, Markus Kreuz, Markus Kurth und Archil Arweladse einen neuen Verein suchen. "Emotionen kann ich mir bei solchen Entscheidungen nicht leisten", so Rettig.

Viele führen den derzeitigen Erfolg des Klubs auf diese Rationalität zurück. Die Neuverpflichtungen, die alle ablösefrei zu Stande kamen, können sich nach Expertenmeinung sehen lassen. Beim Transfer des zweimaligen deutschen Nationalspielers Mustafa Dogan von Fenerbahce Istanbul stach Rettig Mitbieter wie Lazio Rom und Schalke 04 aus, neben dem Abwehrspieler kamen Keeper Stefan Wessels (Bayern München), der ebenfalls viel umworbene Stürmer Andrei Woronin (FSV Mainz) sowie Sebastian Schindzielorz (VfL Bochum) und Marius Ebbers (MSV Duisburg). Spekuliert wird derzeit noch auf Michael Tarnat vom FC Bayern. Für die Bundesliga, meint Rettig, sei eine Blutauffrischung einfach dringend nötig. Das ist ein großer Unterschied zum ersten Aufstieg des Klubs anno 2000: Damals versuchten sich Trainer Ewald Lienen und Manager Hannes Linßen mit dem bewährten Kader.

Auch die Mannschaft hat die neue Bescheidenheit offenbar verstanden. "Wir wissen, was zu tun ist", versichert Alexander Voigt, und bekräftigt, dass sie keine Angst vor den Gegnern hätten. "Nur vor dem Marathontor am Stadion", so Voigt, "wird es ein bisschen brenzlig, wenn wir vier oder fünf Mal nacheinander verloren haben". Weil die Fans bei Niederlagen ähnlich in Rage geraten wie sie bei Siegen in Euphorie verfallen.

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