Colin Powell verteidigt einen Waffengang – aus Loyalität zu Bush
Kommentar: „Krieger wider Willen“

Wenn Colin Powell am Mittwoch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seine "Satelliten-Dia-Show" präsentiert, wenn er Fotos, Abhörprotokolle und Uno-Dokumente so zu einer Indizienkette aneinander reiht, dass sich aus amerikanischer Sicht daraus gar nichts anderes als die Notwendigkeit eines Waffengangs gegen den Irak ableiten lässt, dann dürfte auch dem letzten Europäer klar geworden sein, dass der US-Außenminister nicht mehr jener heimlicher Advokat ihrer Interessen ist, als den manche Politiker auf dem alten Kontinent Powell lange betrachtet haben.

DÜSSELDORF. Powell ist ein Multilateralist, ein eloquenter und charmanter Taktiker, den niemand unterschätzen sollte. Wohl wahr, er hat Bush bekniet, keinen amerikanischen Alleingang gegen Saddam zu wagen, die Uno einzuschalten und um Gefolgschaft in Europa zu werben. Dafür hat er vom Lager der Falken in Washington, vor allem von Vizepräsident Dick Cheney, viel Prügel einstecken müssen. Mit Cheney verbindet ihn eine tiefe Fehde, seit Powell bereits 1991 im Golfkrieg auf Sanktionen statt auf Einmarsch in Bagdad setzte. Der Autor Bob Woodward bezeichnete Powell danach in einem Buch als "Krieger wider Willen". Heute wiederholt sich das gleiche Muster. Cheney drängt, Powell zögert, Cheney bedient sich der Sprache der Militärs, Powell schlägt diplomatische Töne an.

Bei den Rechten in den USA als Weichei verspottet, erwarb sich Powell bei den Europäern Sympathien, war er doch einer der wenigen in der US-Administration, die zu einem differenzierteren Urteil neigen als US-Präsident Bush und sein Stellvertreter. Für ihn lässt sich die Welt nicht in Schwarz oder Weiß, in Gut oder Böse einteilen. Powell hat aus Vietnam-Debakel und Golfkrieg-Erfahrungen seine Schlüsse gezogen. Blindwütiges Vorgehen oder laute Konfrontation sind nicht sein Stil.

Eben weil er die Sprache der Diplomaten wie der Militärs beherrscht, weil er den Sorgen der Europäer sein Ohr lieh und Vorbehalte gegen einen US-Alleingang anmeldete, wurde der Ex-General für viele zur meistrespektierten Figur im Bush-Kabinett. Doch selbst wenn Powell sich bemühte, die vielschichtigen Stimmen der Europäer ins Weiße Haus zu tragen, wusste er auch die Zeichen der Zeit zu deuten. So hat er sich allmählich auf die Seite derer geschlagen, die einen Krieg als unausweichlich betrachten. Nicht aus Opportunismus, sondern aus Loyalität zu Bush.

Aus Powells Sicht hat Saddam die Chance gehabt, sich mit friedlichen Mitteln entwaffnen zu lassen. Diese Chance hat der Diktator am Tigris verspielt. Ebenso wie jene Europäer, die sich nicht von Washingtons Kurs haben überzeugen lassen. Als Frankreich dem US-Chefdiplomaten sogar mit einem Veto im Sicherheitsrat drohte, riss ihm endgültig der Geduldsfaden. Für Powell ist der Zug in Richtung Krieg abgefahren - und zwar mit ihm an der Spitze. Die Europäer haben nun das Nachsehen.

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