Comeback der Carrera-Bahn kommt überraschend
Looping nach Gesichtscheck

Gestandene Männer erinnern sich an ihr Lieblingsspielzeug von damals: eine Carrera-Bahn. Wer die einschlägigen Wettkampfplätze in Berliner Hinterhofkneipen kennt, kann in 70er-Jahre- Atmosphäre bei Bier, lauter Musik und rauchiger Luft sogar Rennen fahren.

Der Zugang zur Rennstrecke ist nicht einfach zu finden. Keine Beschilderung, nirgends Wegweiser, und auch die Beleuchtung lässt zu wünschen übrig. Wer den Weg zu dem Hinterhof im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg nicht bereits kennt, der hat jetzt ein Orientierungsproblem. Dann das übliche Procedere: An einer schweren Stahltür klopfen, Gesichtskontrolle passieren, Eintritt zahlen.

Und schon geht es los. Da hinten in einer Ecke des Raumes steht sie auf einem Podest - schwarz, rund, mit silbernen Leitplanken und bunten Wimpeln geschmückt: eine Carrera-Bahn. Aus den Lautsprechern dröhnt dazu passend Car-Chase-Musik, auf einer Leinwand flimmern Verfolgungsjagden aus 70er-Jahre-Filmen.

Das stilechte Ambiente hatte sich Bodo Mrozek ausgedacht, der 34 Jahre alte Organisator des Carrera- Themenabends in dem angesagten "Bassy Cowboy"-Club. "Wir sind Duelle über fünfzig Runden gefahren", erzählt Mrozek, der normalerweise als Journalist für verschiedene Tageszeitungen arbeitet, wenn er nicht als DJ "Captain Twist" Partys veranstaltet. "Und zu gewinnen gab es auch etwas". Augenzwinkernd zählt er die Siegerpreise auf: eine teure Diskolampe, ein echtes Hirschgeweih, und als Trostpreis eine Tüte Wasserflöhe. "Das war ein Riesenspaß", sagt Mrozek.

Modellauto-Rennen liegen derzeit, so scheint es, schwer im Trend - und das nicht nur zu lauter Musik, Bier und schummrigem Licht. Als Mrozek seine Carrera-Bahn ein paar Wochen vor der Party im "Bassy Cowboy"-Club probeweise bei sich zu Hause aufbaute, bekam er plötzlich unerwartet viel Besuch, hauptsächlich von jungen Vätern aus seinem Bekanntenkreis. Die tauchten freilich überwiegend alleine auf - ohne ihre Kinder, denn das hätte doch bloß die Konzentration gestört. Die braucht es, um die kleinen Flitzer unfallfrei über die Runden zu bringen.

Das Comeback der Carrera-Bahn kommt einigermaßen überraschend. Im Jahr 1963 brachte der fränkische Spielzeugfabrikant und geniale Erfinder Josef Neuhierl unter dem Namen "1-2-3 Universal" seine erste Modellrennbahn auf den Markt. Seitdem haben Generationen von Jungs die schwarzen Plastikschienen mit den zwei Spurrillen zu Ovalen, Achtern oder noch aufwendigeren Formationen zusammengefummelt und sind mit ihren Miniaturautos Rennen gefahren, bis die Trafos glühten. Mitte der achtziger Jahre ging dann die Nachfrage rapide zurück, die Carrera-Bahn wurde von Computer-Spielen verdrängt.

Doch so langsam erinnern sich immer mehr gestandene Männer zwischen dreißig und vierzig an ihr Lieblingsspielzeug von damals. "Eine Carrera-Bahn", sagt Philipp Kaufmann (33), einer von Mrozeks "Testfahrern", "gehört einfach zum kollektiven Gedächtnis. Entweder man besaß selber eine, oder man kannte jemanden, der eine hatte."

Und so holt so manch einer die verstaubten Kartons vom Speicher der elterlichen Wohnung oder kauft sich gleich das ganze Set neu, steckt mühevoll die Einzelteile aus Plastik zusammen und fängt an zu rasen wie früher. Zum Beispiel Michael Brauburger, im Hauptberuf Executive Sales Trader bei Merrill Lynch in Frankfurt am Main. Als Brauburger vor ein paar Monaten die Carrera- Bahn in einem Baumarkt sah ("mit drei Loopings, das ist schon ausbaufähig"), dachte er zuerst an seinen vierjährigen Sohn. Doch bald stellte sich heraus, dass es noch keinen Zweck hat, ihm das Spiel beizubringen. "Eigentlich ist er noch zu jung dafür", sagt Brauburger, der inzwischen wieder selber begeistert "regelmäßig" Rennen fährt. Nur mit seiner Frau gibt es hin und wieder Konflikte. "Natürlich stellt sich da manchmal die Frage", so Brauburger, "ob die Bahn nicht abgebaut werden muss. Schließlich steht sie ja im Wohnzimmer."

Die Nostalgie der jung gebliebenen Erwachsenen lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. 2002 konnte der Nachfolger von Neuhierls Firma, die "Carrera Century Toys", den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr erheblich steigern - um satte 40 Prozent auf 30 Millionen Euro. Und so zieht die Renaissance der Carrera-Bahn ihre Kreise. Bis vor kurzem stand auch im angesagten "White Trash"-Club in Berlin-Mitte eine Carrera-Bahn. Sie wurde derart beansprucht, dass sie vorübergehend den Geist aufgab. Angeblich gehörte sie dem Schauspieler Ben Becker.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%