Commerzbank-Analysten zum heutigen Kursverfall
Interview: Intel - Negative Signalwirkung strahlt aus

Nach der Intel-Warnung sind die Aktienkurse auf breiter Front eingebrochen, insbesondere im Technologie-Sektor. Die Analysten der Commerzbank sehen die Ursachen im Misstrauen der Anleger, die gerade im Technologie- und Telekommunikations-Sektor substanziell positive Nachrichten vermissen.

Mit Peter N. Knacke vom Zentralen Geschäftsfeld Private Kunden der Commerzbank AG, Bereich Anlagen, Wertpapierstrategie sprach Jürgen Grosche, Redakteur.

Schon eine Warnmeldung - und der Markt bricht zusammen. Wo liegen die Ursachen für die Volatilität gerade der Technologie-Aktien?

Knacke: Zur Zeit stellen wir ein großes Misstrauen unter den Anlegern fest, was die wirtschaftliche Erholung und die Unternehmensberichterstattung angeht. Die Anleger fragen sich: Ist die Konjunkturerholung da, oder durchlaufen wir ein "double-dipp", sprich, ein erneutes Tief nach kurzem Aufschwung? Investoren fragen aber auch kritisch nach: Was ist von diesem oder jenem Unternehmen noch an bisher nicht bekannten Risiken zu erwarten? Gerade der Telekommunikations- und Technologie-Sektor hat in den vergangenen zwei Jahren die Anleger enttäuscht. Da ist es nicht verwunderlich, dass auf kleine Rückschläge heftig und nervös reagiert wird.

Die T-Aktie markiert ein Allzeittief nach dem anderen. Was ist los mit dem Papier? Wo liegen die Ursachen im Unternehmen oder im Markt?

Knacke: Nach der plötzlich und viel zu spät erkannten Überbewertung von Immobilienvermögen hat das Vertrauen in eine offene Bilanz-Politik der Telekom gelitten. Zudem hat der Konjunktureinbruch zu deutlichen Verlusten bei diesem Unternehmen geführt. Zwar springt die Konjunktur nach unseren Erkenntnissen bereits seit Jahresbeginn wieder an, bei den Umsätzen der Telekom macht sich dies jedoch noch nicht nachhaltig bemerkbar. Wie es scheint, ist die Aktie zur Zeit ein gefundenes Fressen für Hedge-Fonds, die die aktuelle Marktschwäche zu Baisse-Spekulationen nutzen.

Harte Fakten und Psychologie: Was spielt die größere Rolle gerade beim heutigen Abwärts-Marsch der Kurse?

Knacke: Für die kurzfristige Kursentwicklung an der Börse spielt die Psychologie immer die größte Rolle. Das ist auch heute der Fall. Mittel- bis langfristig gleichen sich psychologisch bedingte Über- bzw. Untertreibungen aus. Wann das genau sein wird, ist allerdings nicht prognostizierbar.

Warum stürzen die Technologie-Aktien heute derartig in den Keller?

Knacke: Die gestrige Bekanntgabe des Midquarter-Ergebnisses von Intel lässt die Aktienanleger erneut am Aufschwung zweifeln. Intel hat seine Zielzahlen für das zweite Quartal nach unten revidiert. Zwar lassen sich die Probleme von Intel nicht eins zu eins auf alle Technologie- und Telekommunikations-Aktien übertragen. Die sehr negative Signalwirkung strahlt jedoch auf die gesamte Branche ab. Folgende Probleme zehren momentan hauptsächlich am Nervenkostüm der Börsianer:

- Die Konjunktur ist angesprungen, Unternehmensergebnisse hinken noch hinterher

- Kriegsängste aus dem Kashmir-Konflikt

- Militärische Auseinandersetzung im Irak

- Strukturelle Probleme im Softwarebereich

- Kursrückgang der IBM-Aktie

- Der Rücktritt des Vorstandes des amerikanischen Beteiligungskonzerns Tyco

- Bevorstehende Zahlen von Nokia

- Gerüchte um bevorstehende Gewinnwarnungen (z.B. bei SAP)

- Sehr negative Charttechnik und intakte Abwärtstrends

Das Kernproblem im Softwarebereich erscheint für uns struktureller Art. Bisher waren davon weitgehend kleinere Softwareunternehmen oder Start Ups betroffen. Doch jetzt geraten vermehrt auch renommierte Unternehmen, wie neulich der Blue Chip IBM, ins Kreuzfeuer der Kritik. Die gestrige Bekanntgabe der Aussichten bei Intel ist besonders dramatisch, weil der Chipbranche immer noch der Nimbus des Vorläufers für einen Konjunkturaufschwung im Technologiebereich anhaftet.

Wie reagieren die Aktien der anderen Branchen / wieso sind dort auch teilweise Kurseinbrüche festzustellen?

Knacke: Zur Zeit ist die allgemeine Marktverfassung negativ. Alle Anleger schauen verängstigt auf den Kursverfall im Index und verkaufen dann vorsorglich ihre Einzelwerte, bevor diese von dem Verfall betroffen sind. Das führt zu genau dem befürchteten Ergebnis, und die Anleger sehen sich am Ende in ihrer Verkaufsentscheidung bestätigt.

Wie sollen Anleger heute reagieren? Welche allgemeinen Ratschläge haben Sie für Investoren derzeit? Für Schnäppchenjäger: Welche Branche ist derzeit untergewichtet?

Knacke: Aus unserer Sicht sind die aktuellen Kursniveaus tendenziell Kaufkurse. Es gibt allerdings wiederum keinen Grund, eilig irgendwelche Käufe zu tätigen. Jetzt selektiv einsteigen, wenn man bereit ist, auch größere Kursschwankungen in den nächsten Wochen und Monaten auszusitzen.

Fazit: Vorsichtige Anleger sollten sich zumindest für einen teilweisen Verkauf von Technologiewerten entscheiden. Die charttechnische Situation ist angeschlagen. Unterstützungslinien sind zur Zeit nicht zu finden. Weitere Kursverluste sind daher durchaus möglich. Für mittelfristig orientierte Anleger mit stärkeren Nerven bietet die aktuelle Krise auch Chancen. Wir sehen hier besonders Siemens als gut positioniert.

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