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Computerriese IBM gibt den Takt an

Der High-Tech-Konzern IBM setzt auf seinen guten Namen. Künftig prangt auf Handys oder Digitalkameras mit technischem Innenleben von "Big Blue" das Markenzeichen "IBM Technology" in der blauen Konzernfarbe. So wie Chiphersteller Intel mit seinem Etikett "Intel Inside" seine Allgegenwart und Dominanz im PC-Geschäft demonstriert, so will IBM mit seiner technischen Vorherrschaft werben.

Die verstärkte öffentliche Präsenz zeugt vom Offensivgeist des blauen Riesen. Konzernchef Louis Gerstner hat das Unternehmen kräftig umgekrempelt. Er trieb den Ausbau des margenstarken Dienstleistungsgeschäfts voran, das unter Global Services in der Bilanz auftaucht. Diese Sparte machte im Jahr 2000 rund 37,5 Prozent des Umsatzes aus und wird nach Einschätzung des Investmenthauses Merrill Lynch in diesem Jahr die traditionelle Hardware-Sparte von Großrechnern bis zum Laptop als Haupteinnahmequelle ablösen. Die Merrill-Analysten Thomas Kraemer und James Berlino loben, IBM verkaufe sogar seine Technik zunehmend als Dienstleistung.

IBM will Computerkraftwerke bauen

In die Weiterentwicklung seiner Technik steckt IBM jährlich fünf Milliarden Dollar. Ein kurzer Blick in die Blaupausen der Labors: Das Unternehmen will eine Art Computerkraftwerke bauen und die Rechnerleistung wie Strom nach Bedarf liefern und verkaufen. IBM erwartet, dass dieses Verfahren sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren durchsetzen wird. Zudem haben die Forscher einen Schaltkreis entwickelt, der aus einem einzigen Kohlenstoff-Molekül besteht. Damit können sehr viel mehr Schaltungen auf Computerchips untergebracht werden, die dadurch immer leistungsfähiger werden. In der Speichertechnik erzielte IBM durch neuartige Beschichtungen deutliche Kapazitätssteigerungen. In zwei bis drei Jahren dürften Heimcomputer mit Festplatten ausgestattet sein, auf die 300 bis 400 Gigabyte passen. "Big Blue" bringt ständig neue Produkte auf den Markt. Dies ist wichtig, weil sich nur damit gutes Geld verdienen lässt.

Die Börse honoriert dies. Während die US-Computeraktien seit Jahresbeginn im Schnitt 20 Prozent an Wert verloren, legte IBM um neun Prozent zu. Im Standard-Werte-Index Dow Jones gehört das im Bundesstaat New York beheimatete Unternehmen zu den fünf Aktien, mit denen seit Neujahr überhaupt Geld zu verdienen war.

Doch die Flaute der US-Konjunktur, die durch die Terroranschläge vom 11. September noch verschärft worden ist, geht nach einhelliger Analystenansicht auch an IBM nicht spurlos vorbei. Viele Unternehmen treten jetzt auf die Kostenbremse. Auch die Verbraucher dürften sich vorerst mit größeren Ausgaben zurückhalten. Zwar achten Unternehmen nun auf sichere Informationstechnik, um gegen Ernstfälle gewappnet zu sein, erläutert Goldman-Sachs-Analystin Laura Conigliaro. Aber viele Unternehmen hätten diese Investitionen bereits getätigt, um das Jahr-2000-Problem zu bewältigen, so dass der Nachholbedarf nicht immens groß sei.

Entsprechend revidierten die großen Investmenthäuser wie Goldman Sachs oder Merrill Lynch ihre Gewinnschätzungen nach unten. Das gerade abgelaufene dritte Quartal dürfte besonders betroffen sein, weil viele Hardware- und Softwarekäufe erst kurz vor dem Quartalsende getätigt werden. Merrill Lynch etwa erwartet für das gesamte Jahr 2001 nun einen Umsatzrückgang um 1,1 Milliarden auf 87,3 Milliarden Dollar und einen Gewinnrückgang um 374 Millionen auf 7,7 Milliarden Dollar. Vor dem Anschlag waren die Analysten noch von einem Umsatzplus von 1,1 Milliarden Dollar und einem stabilen Gewinn ausgegangen. Die Merrill-Analysten stufen die IBM-Aktie als durchschnittlich ein, die meisten anderen raten zum Kauf.

Ein detaillierteres Bild ergibt sich, wenn man die konjunkturunabhängigen Sparten und die zyklischen Sparten analysiert. DIT-Fondsmanager Ioannis Papassavvas macht folgende Rechnung auf: "Zwei Drittel des Umsatzes und drei Viertel des Gewinns sind gesichert." Langfristige Beratungsverträge und die Übernahme von ausgegliederten Informationstechnik-Aufgaben ihrer Firmenkunden spülten IBM rund 35 Prozent des Umsatzes und 50 Prozent des Gewinns in die Kasse. Zum anderen seien Projekte für die Firmenkunden wie zum Beispiel die Einrichtung von Unternehmensnetzen auf drei bis vier Quartale hinaus sichere Einnahmequellen.

Daraus ergeben sich dem Fondsmanager zufolge weitere rund 30 Prozent des Umsatzes und etwa ein Viertel des Gewinns. Bleiben rund 35 Prozent des Umsatzes und 25 Prozent des Profits, die von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abhängig sind: das Geschäft mit Servern (Netzrechnern), PC, Festplatten und Software. "Da ist das Risiko drin", sagt Papassavvas. Unter Berücksichtigung dieses Risikos kommt er auf ein Kursziel von 80 bis 85 Dollar. "Beim derzeitigen Kurs von zwischen 92 und 93 Dollar würden wir keinen in die Aktie reinschicken." Ein interessierter Anleger sollte erst die Quartalszahlen abwarten, die IBM am 17. Oktober vorlegt, rät der Anlageprofi. Und er sollte auf das Betriebsergebnis sowie den Geschäftsausblick des Unternehmens achten. Papassavvas zieht das Fazit: "Für jemanden, der langfristig investieren möchte, ist eine IBM, die sich zehn Dollar unter dem jetzigen Kurs bewegt, sicherlich ein Wert, den man sich ins Depot legen sollte."

Michael Pohn, US-Analyst der DZ-Bank, misst den Gewinnrevisionen nicht die größte Bedeutung bei, zumindest nicht aus strategischen Erwägungen. "Auf Jahressicht sehen wir ein Kurspotenzial von 20 bis 30 Prozent." Er empfiehlt die Aktie zum Kauf: wegen des guten Managements, der Firmenstrategie und den Kooperationen mit vielen anderen Unternehmen. Zudem sei die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von gut 20 relativ moderat bewertet.

Die geplante Fusion der Konkurrenten Hewlett Packard (HP) und Compaq sehen weder Papassavvas noch Pohn als Gefahr für IBM. IBM habe einen Vorsprung von mehreren Jahren, zudem seien die Konkurrenten noch lange mit der Fusion beschäftigt: Verunsicherte HP - oder Compaq-Kunden könnten daher leicht zu IBM wechseln.

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