Comraod-Skandal erschüttert Neuen Markt
Angeschlagenes Anleger-Vertrauen

Der Skandal um den Münchener Telematikanbieter Comroad hat Experten zufolge das ohnehin angeschlagene Anlegervertrauen in den Neuen Markt weiter erschüttert. Langfristig sehen Aktienstrategen und Analysten in dem offensichtlichen Betrugsfall aber auch positive Impulse für eine Bereinigung des krisengeschüttelten Marktsegmentes.

Reuters FRANKFURT. Die im Auswahlindex Nemax50 des Neuen Marktes gelistete Comroad hat nach neuesten Erkenntnissen offenbar nicht existierende Geschäfte verbucht und dadurch fast den kompletten Umsatz für 2001 nur vorgetäuscht. Analyst Marius Hoerner von Lang & Schwarz sagt, durch die Geschehnisse um Comroad habe das Vertrauen der Anleger in den Neuen Markt erst mal wieder gelitten. "Die Verunsicherung geht tief, selbst die Zocker fallen mittlerweile aus." Bei Comroad seien Dinge passiert, die sich keiner habe vorstellen können. Der Handel mit Werten am Neuen Markt ist seit langem ohnehin nur gering. Dabei solle aber nicht außer Acht gelassen werden, dass es trotzdem viel mehr gute als schlechte Unternehmen am Neuen Markt gebe, betont der Analyst.

Für den Anleger sei allerdings schwierig heraus zu finden, welche Firma gut sei. Dazu trügen auch uneinheitliche Bilanzierungspraktiken der Firmen bei, die eine Vergleichbarkeit der Bilanzen erschwerten. Aktienstratege Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt sagt hingegen, er sehe durch den Fall Comroad keinen weiteren Vertrauensverlust in den Neuen Markt - "das Vertrauen war ohnehin schon nicht sehr hoch". Comroad sei nur die Spitze des Eisberges. "Man ist jetzt sehr mitrauisch und das mit gutem Grund", sagt er. Wenn die veröffentlichten Geschäftszahlen der Firmen nicht stimmten, könne der Markt nicht mehr vernünftig analysiert werden. Der Aktienstratege hat daher auch kein Kursziel mehr für den Neuen Markt. Borghoff schließt weitere Betrugsfälle am Neuen Markt nicht aus - wenngleich nicht in dem Ausmaß wie bei Comroad.

Ein Münchener Aktienstratege sagt, auch wenn Comroad für zusätzliche Verunsicherung bei den Anlegern sorge, seien die Geschehnisse um Comroad ein Sonderfall und hätten mit dem Neuen Markt als solches nichts zu tun. Der Vertrauensverlust habe sich dadurch zwar noch einmal verstärkt. "So etwas kann aber auch in anderen Segmenten passieren", sagt er. Zu einem nachhaltigen Vertrauensschaden sollte dieser Skandal jedoch nicht führen. "Es gibt weiter eine Menge exzellenter Firmen am Neuen Markt".

Analyst Hoerner gewinnt dem Skandel um Comroad langfristig sogar positive Aspekte ab. "Die Schwarzen Schafe werden ausgesiebt und die Investoren schauen sich genau an, was sie kaufen wollen. Auch die Wirtschaftprüfer werden sich wohl künftig jede Zahl fünfmal anschauen." Langfristig sei diese Entwicklung daher ausgesprochen positiv. Auch Borghoff sieht in dem Skandal um Comroad eine weitere Fortsetzung der Marktbereinigung beim Wachstumssegment der Deutschen Börse. Borghoff zufolge wird sich diese allerdings noch bis 2003 hinziehen. Bei über 300 Unternehmen dauere es, bis die Schwarzen Schafe aus dem Segment verschwinden würden. Eines sei aber sicher: "Bei den künftigen Neuemissionen werden Emissionsbanken, Emissionsberater und Wirtschaftsprüfer verstärkt darauf achten, dass ein funktionsfähiges Rechnungswesen besteht und eine solide Buchführung vorhanden ist."

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