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Coria holt in Paris die Vergangenheit ein

Paris (dpa) - Der eine verlor wegen Krämpfen das French-Open- Finale. Der andere bekam sie, als er langsam realisierte, was an diesem seltsamen Finaltag in Paris geschehen war.

Paris (dpa) - Der eine verlor wegen Krämpfen das French-Open- Finale. Der andere bekam sie, als er langsam realisierte, was an diesem seltsamen Finaltag in Paris geschehen war.

Die beiden Argentinier Guillermo Coria und Gaston Gaudio sorgten ungewollt für das seltsamste Grand-Slam-Endspiel der letzten Jahre. Aus einem langweiligen Dreiteiler wurde urplötzlich ein Drama in fünf Akten. Die Tränen flossen hinterher.

Bei Gaudio, weil er unverhofft und erst als vierter ungesetzter Spieler nach dem Franzosen Marcel Bernard (1946), dem Schweden Mats Wilander (1982) und dem Brasilianer Gustavo Kuerten (1997) die French Open gewonnen hatte. Bei Coria, weil er sich seinen Lebenstraum nicht erfüllen konnte und ihn die Erinnerungen an sein Dopingvergehen vor drei Jahren übermannten. «Ich wollte dieses Turnier gewinnen, um zu vergessen, was tief in mir steckt. Ich wollte das endlich hinter mir lassen», sagte Coria unter Tränen.

Zwei Sätze hatte der 22 Jahre alte Titelfavorit souverän gewonnen, als er den Physiotherapeuten auf den Platz rufen ließ. Coria litt unter Krämpfen, wurde mit Salbe massiert und bekam eine Tablette. «Ich weiß nicht, was es war, aber der Arzt sagte mir, in 15 Minuten würde Besserung eintreten. Deshalb habe ich das Match nicht aufgegeben und gekämpft bis zum Ende.»

Der bis dahin chancenlose Gaudio gewann den dritten Satz, im vierten konnte Coria kaum noch servieren. Erst im fünften kam er zurück und kämpfte wie ein Besessener. Gaudio wusste nicht, wie ihm geschah. Er fühlte sich in seinem ersten Grand-Slam-Finale irgendwie fehl am Platz, als er den ersten Satz mit 0:6 und den zweiten mit 3:6 verloren hatte. «Er sagte: Ich möchte hier weg. Ich hasse es. Ich kann nicht glauben, dass ich so schlecht spiele», berichtete das argentinische Tennis-Idol Guillermo Vilas, der hinter Gaudio saß und seinen Ohren nicht traute.

Plötzlich war Coria nicht mehr derselbe. Gaudio gewann den dritten und den vierten Satz, doch geheuer war ihm das nicht. «Ich dachte erst, es passiert das gleiche wie im vergangenen Jahr in Hamburg.» Damals im Halbfinale hatte Coria eine Verletzung vorgetäuscht, um seinen Gegner aus dem Rhythmus zu bringen, was ihm auch gelang. Gaudio hatte ihm dafür eine Ohrfeige verpasst.

Doch diesmal war es anders. Der kleine, zähe Schwarzschopf aus der argentinischen Pampa litt wie ein Hund, hatte zwei Matchbälle, musste sich nach 3:31 Stunden aber doch geschlagen geben. «Ich wollte mich rächen an denen, die mir verunreinigte Substanzen gegeben haben und an denen, die mich dafür bestraft haben», klagte Coria.

Wegen Nandrolon-Dopings war er Ende 2001 für sieben Monate gesperrt worden. Er hat stets bestritten, wissentlich gedopt zu haben und nimmt seither keine Elektrolyte oder Vitamine mehr zu sich. Ein aussichtsloses Unterfangen für einen Hochleistungssportler, der Woche für Woche an einem anderen Platz der Welt Turniere spielt.

«Alle nehmen etwas. Aber ich möchte noch viel im Tennis erreichen. Und lieber erlebe ich so etwas wie heute auf dem Platz als ständig daran zu zweifeln, ob ich saubere Produkte bekomme oder nicht», sagte Coria. So niedergeschlagen er nach dem verlorenen Endspiel auch war, so kämpferisch gab sich der stolze Argentinier: «Ich hoffe, Gott ist fair zu mir und gibt mir eine weitere Chance. Ich will bei Olympia eine Medaille gewinnen und versuchen, die Nummer eins zu werden.»

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