"Corporate Governance"
Anlegervertrauen: Schiere Pflicht wird zur Kür

Der Generalverdacht mangelnder Transparenz und Glaubwürdigkeit, unter dem die Unternehmen zur Zeit stehen, spiegelt sich in schlimmen Bildern.

HB FRANKFURT. So mancher Vorstand hat das Etikett "Raffzahn" bekommen, Aufsichtsräte werden schon einmal mit den drei Affen verglichen - blind, taub, stumm. Selbst wer gute Nachrichten und stabile Finanzen hat, wird skeptisch beobachtet oder gar nicht erst beachtet.

Einen Ausweg aus der Börsen- und Kommunikations-Doppelkrise erhofft sich die Finanzgemeinde vom Zauberwort "Corporate Governance". Bei Licht betrachtet ist der Corporate-Governance-Kodex die Summe der Handlungen und Einstellungen, die man von seriösen Unternehmenslenkern und-kontrolleuren erwarten kann. Verkehrte Welt: Die schiere Pflicht wird plötzlich zur Kür im Wettbewerb um vergrätzte Investoren.

Im Corporate-Governance-Kodex regelt das Kapitel 6 - "Transparenz" - die in Lehrbüchern nachzulesende "Best Practice" der Investor-Relations (IR): Ad-hoc-Publizität nach Wertpapierhandelsgesetz (WpHG), Fair Disclosure, Schnelligkeit durch elektronische Medien, Offenlegung der Director's Dealings, Finanzkalender. Das sollten Minimal-Pflichtleistungen jeder AG sein. Entscheidender aber ist der Geist, der vom übrigen Kodex ausstrahlt. Wählt man diese breitere Sicht, kann der Kodex als Checkliste für die Finanzkommunikation taugen. Einige praxisorientierte "Übersetzungen":

Kodex-Punkt 2.1.1: "Aktionäre nehmen ihre Rechte in der Hauptversammlung wahr" - zum Recht des Aktionärs gehört es aus Sicht einer Profi-IR, dass der Unternehmensvorstand auch außerhalb der HV jederzeit ein glaubwürdiges, ehrliches und strategisch schlüssiges Bild präsentieren kann. Im Ipo-Boom nannte man das "die Aktienstory", die ein langfristig lohnendes Investment nachweisen soll.

Punkt 2.2.3: "Jeder Aktionär ist berechtigt, (auf der HV) das Wort zu ergreifen und sachbezogene Fragen . . . zu stellen" - und der Vorstand ist verpflichtet, wahrheitsgemäß und verständlich zu antworten. Er muss in der Lage sein, kurz, präzise und einfach die Leitlinien der Firmenstrategie zu erklären. Worthülsen in Reden, Präsentationen, Pressemeldungen und Geschäftsberichten entlarven Strategiemängel oder können Warnsignal für Vertuschungsversuche sein.

Punkt 3.1: "Vorstand und Aufsichtsrat arbeiten zum Wohl des Unternehmens eng zusammen" - dies verbietet streng genommen firmenschädigende Machtkämpfe zwischen den Organen, die oft auf Eitelkeiten beruhen und auch per gezielter Indiskretion über Medien und "Händlerkreise" ausgetragen werden. Wer Finanzkommunikation so missbraucht, verstößt nicht nur gegen Punkt 3.5. des Kodex' (Vertraulichkeit), sondern richtet auch schwersten Schaden an. Investoren strafen solches Verhalten meist durch Rückzug aus der Aktie ab.

Punkt 3.4: "Der Vorstand informiert den Aufsichtsrat . . . umfassend über alle . . . relevanten Fragen" - welch wunderbare Steilvorlage für professionelle Finanzkommunikation! Wenn Aufsichtsräte diese Bringschuld des Vorstandes auf anspruchsvollem Niveau einfordern, entsteht ein stets aktueller, kapitalmarktgerecht aufbereiteter und fundierter Informationspool für die Information von IIR-Zielgruppen - natürlich zu geeigneter Zeit und in jeweils geeigneter Informationstiefe.

Punkt 4.: "Der Vorstand entwickelt die strategische Ausrichtung . . . und sorgt für ihre Umsetzung . . ., hat für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen zu sorgen . . ., sorgt für Risikomanagement" - da Punkt 3.10. verpflichtet, im Geschäftsbericht über Umsetzung und Abweichung der Kodexbestimmungen zu berichten, heißt dies: In jeden Geschäftsbericht gehört ein aussagekräftiges Strategiekapitel inklusive ehrlicher Rechenschaft über nicht erreichte Ziele, ein Corporate-Governance-Kapitel sowie ein Risikobericht, der Anlegern mehr Urteilssicherheit geben soll.

Punkt 5.2: "Der Aufsichtsratsvorsitzende soll . . . (mit dem Vorstand) Strategie, Geschäftsentwicklung und Risikomanagement des Unternehmens beraten" - und durch Person, Integrität, Unabhängigkeit und ernsthafte Amtsführung dem Kapitalmarkt mehr Sicherheit vermitteln, dass Schieflagen, Unregelmäßigkeiten und Risiken früh erkannt und behoben werden.

Punkt 7: "Rechnungslegung, Abschlussprüfung" - ausführliche und vergleichbare Quartalsberichte sind das eine, ihre Glaubwürdigkeit sind - nach Enron, Worldcom & Co. - das andere. Daher sind die im Kodex angelegte strengere Überprüfung der Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers und und angestrebte Trennung von Bilanzprüfung und Beratung unerlässlich für den Rückgewinn von Investorenvertrauen.

Susanne Nicolette Strauss ist Vorstandsmitglied der Equinet Communications AG in Frankfurt.

Quelle: Handelsblatt

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