Corporate Governance-Kodex
Die Qualität der Wirtschaftsprüfer muss verbessert werden

Große Weltkonzerne, renommierte Wirtschaftsprüfer, gefälschte Bilanzen - das brisante Gemisch der Fälle Enron und WorldCom. Der Mainzer Landesbankchef Klaus G. Adam, ein ausgebildeter Wirtschaftsprüfer, beleuchtet den Stand der Diskussion über künftige Regeln für Unternehmensführung und Bilanzprüfung.

HB MAINZ. Die zunehmende Globalisierung und Verflechtung der Kapitalmärkte haben das Bedürfnis nach globalen Informationen und der Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen stark erhöht. Deswegen wurde das International Accounting Standards Committee (IASC) gegründet: Die IAS sind bisher die einzigen internationalen Rechnungslegungsstandards. Allerdings haben sie nicht die Stellung eines Gesetzes - sie werden bislang freiwillig angewendet. Um allen Bilanzkonzepten zu genügen, wurden die Standards mit umfangreichen Wahlrechten ausgestattet.

Das Problem: Die amerikanische Securities Exchange Commission (SEC) hat den IAS bisher die allgemeine Anerkennung versagt und verlangt von den Teilnehmern des US-Kapitalmarktes Abschlüsse nach den US-Gaap. Als Folge konkurrieren die beiden Standards um die "Gunst der Bilanzierenden", obwohl die US-Gaap nur amerikanisches Bilanzrecht sind. Grundsätzlich zeichnen sich die US-Gaap durch eine wesentlich größere Regelungsdichte aus, bei den IAS besteht ein größerer Interpretationsbedarf.

Gerade der Fall Enron hat nun aber gezeigt, dass US-Gaap als Leitbild für einen international einheitlichen Standard nicht geeignet sind. Die IAS hingegen könnten den Anforderungen der wirtschaftlichen Betrachtungsweise weltweit grundsätzlich gerecht werden. Aber obwohl die jüngsten Pleiten die Notwendigkeit eines einzigen Rechnungslegungssystems zeigen: Dass sich die Bilanzierungs-Committees dieser Herausforderung in nächster Zeit stellen werden, muss aus heutiger Sicht bezweifelt werden.

Für die Situation in Deutschland ist - ungeachtet der in einigen Fällen berechtigten Kritik an der Arbeit der Wirtschaftsprüfer - festzuhalten: Für die Erstellung eines Jahresabschlusses und die Berichterstattung über den Geschäftsverlauf sind laut Aktien- und GmbH-Gesetz der Vorstand bzw. die Geschäftsführung uneingeschränkt und eigenverantwortlich zuständig. Die Überwachungspflichten obliegen jeweils dem Aufsichtsrat.

Der Gesetzgeber hat auf die bei Zusammenbrüchen offenbar gewordenen Mängel und Systemfehler bereits reagiert. Dafür steht das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG), das Kapitalaufnahme-Erleichterungsgesetz, das 3. Finanzmarktförderungsgesetz sowie die Modernisierung des überkommenen Aktienrechts. Damit waren die Schwachstellen aber nicht beseitigt. Der Fall Holzmann führte im Mai 2000 zur Einsetzung der Regierungskommission "Corporate Governance - Unternehmensführung - Unternehmenskontrolle - Modernisierung des Aktienrechts". Abschlussbericht und Empfehlungskatalog liegen seit Juli 2001 vor.

Die Grundsätze enthalten keine rechtspolitischen Vorschläge, sondern Regeln, an die sich Vorstand, Aufsichtsrat und leitende Mitarbeiter von börsennotierten Aktiengesellschaften durch Verpflichtungserklärungen binden sollen. Dabei bedürfen die Grundsätze einer maßgeschneiderten Anpassung für jedes Unternehmen. Es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Kodex auf die Wahrnehmung der Pflichten der Organe auswirkt.

Der Abschlussprüfung und damit der Arbeit der Wirtschaftsprüfer sind ganze vier Regeln gewidmet. Es handelt sich dabei um Empfehlungen, die bereits grundsätzlich in den Prüfungsstandards des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) verankert sind. Die besten Regeln und Standards nutzen jedoch wenig, wenn sie im Unternehmen nicht durchgesetzt werden.

Versagt der Vorstand und bleibt dies dem Aufsichtsrat verborgen, ist in Deutschland der Wirtschaftsprüfer in letzter Instanz für die Durchsetzung der Rechnungslegungsstandards zuständig. In den USA dagegen gibt es die SEC: Sie hat - anders als die deutsche Wirtschaftsprüferkammer - das Recht, Anfragen an das Management der Unternehmen zu richten, Verträge, Gutachten und sonstige Unterlagen anzufordern und sogar selbst Prüfungen vor Ort durchzuführen.

Alle einer breiteren Öffentlichkeit zugänglichen Pleitefälle lösen eines aus: Es wächst die so genannte Erwartungslücke zwischen den Vorstellungen der Öffentlichkeit über den Umfang sowie den Sinn und Zweck der gesetzlichen Abschlussprüfung einerseits und der Berufsausübung nach den gesetzlichen Pflichten sowie den berufsständischen Grundsätzen andererseits.

Nach den langwierigen Diskussionen innerhalb des Berufsstandes, der Politik und der Öffentlichkeit ist wohl sicher, dass nicht ein einziger Weg eine Problembeseitigung ermöglicht, sondern ein Bündel von Maßnahmen sorgfältig zu bedenken ist. Dabei stehen wir in Deutschland nicht allein: Die EU-Kommission will mit einem umfangreichen Verhaltenskodex die Unabhängigkeit und Verlässlichkeit von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Europa sicherstellen. Und in den USA hat das Repräsentantenhaus einen Gesetzentwurf verabschiedet, der strengere Regeln für Wirtschaftsprüfer für die Offenlegungspflichten von Unternehmen enthält.

Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaftsprüfung sollten in folgenden Punkten weiterentwickelt werden:

Einem einzigen weltweit anerkannten Rechnungslegungssystem müssen weltweit einheitliche, qualitativ hochwertige Prüfungsstandards entsprechen.

Organisatorisch, personell und kapitalmäßig sollten Beratungsgeschäfte vom Prüfungssektor getrennt sein. Wer berät, darf nicht Abschlussprüfer sein.

Die externe Qualitätskontrolle (Peer Review) innerhalb des deutschen Berufsstandes der deutschen Wirtschaftsprüfer sollte kritisch auf Verbesserungsmöglichkeiten überprüft werden.

Prüferwechsel im Rotationsverfahren nicht unterhalb von sechs Jahren oder gegebenenfalls die Hinzuziehung eines zweiten WP.

Aufsicht mit Sanktions- und stärkeren Durchgriffsrechten bzw. die Schaffung nationaler Einrichtungen zur Verbesserung einer wirksamen Durchsetzung (Enforcement) der Rechnungslegungsgrundsätze.

Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsprüfung und Aufsichtsrat.

Maßgebliche Verschärfung der Haftungsregelungen.

Spektakuläre Einzelfälle haben neben teilweise krimineller Energie, gegen die auch die beste Prüfung machtlos sein kann, erhebliche Mängel in der Durchführung von Abschlussprüfungen offenbart. Für den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer ist es daher höchste Zeit zum wirkungsvollen Handeln, bevor die EU bzw. der Gesetzgeber mit einem dichten Regelungswerk tätig wird.

Klaus G. Adam ist Vorstandsvorsitzender der Landesbank Rheinland-Pfalz in Mainz und ausgebildeter Wirtschaftsprüfer.

Quelle: Handelsblatt

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