Coulthard gewinnt in Melbourne
Achterbahn der Gefühle

Vergangene Saison dominierte Ferrari die Formel 1 bis zur Langeweile. Neue Regeln sollten nun wieder für Spannung und Abwechslung sorgen. Dies gelang. Melbourne war - auch dank des Wetters - das spannendste und chaotischste Rennen der jüngeren Formel-1-Geschichte.

Der Rummelplatz Formel 1, für gewöhnlich als Karussellbetrieb geführt, hat sich im Albert Park von Melbourne einer neuen Attraktion erfreut: Eine Achterbahn der Gefühle sorgte für das spannendste, aber auch chaotischste Rennen der jüngeren Renngeschichte. Genauer gesagt: seit dem 26. September 1999, als auf dem Nürburgring zum letzten Mal kein Ferrari-Pilot auf dem Siegerpodest gestanden hatte.

Auch beim Großen Preis von Australien war ganz oben kein Plätzchen mehr frei für Michael Schumacher. Der hatte zwar das neue Qualifikationstraining ebenso deutlich wie den Start für sich entschieden, schrammte aber nach einer Häufung von Zwischenfällen, die für fünf Rennen gereicht hätten, als Vierter am gewohnten Aufstieg aufs Podest vorbei. Der Schotte David Coulthard im McLaren-Mercedes hatte erst elf Runden vor Schluss die Führung übernommen und triumphierte vor dem BMW-Williams-Piloten Juan Pablo Montoya (Kolumbien) und dem Finnen Kimi Räikkönen im zweiten Silberpfeil.

Von einer Wachablösung aber kann noch nicht gesprochen werden. Weshalb sich der Verlierer zwar nicht glücklich, aber ziemlich gefasst zeigte: "Man muss auch ein guter Verlierer sein und aus diesem Resultat lernen", sagte Schumacher. Sein Trost: "Die wechselnden Wetterverhältnisse sind für dieses chaotische Rennen verantwortlich." Dem Publikum, abzüglich der Ferraristi natürlich, wird das letztendlich egal sein: Etwas Besseres als das Auf und Ab in Melbourne hätte der Sportart gar nicht passieren können.

Das Schimpfwort von der "Formel gähn" besaß nur in Bezug auf die nachtschlafene Übertragungszeit in Deutschland Gültigkeit. Selbst Hellwache werden sich während der anderthalb turbulenten Stunden gelegentlich die Augen gerieben haben - Überholvorgänge fanden im Überfluss statt.

Mit Ausnahme des Siegers David Coulthard, der - wie es so seine Art ist - das überraschende Comeback der Silberpfeile mit einer klugen, aber unspektakulären Fahrweise krönen konnte, haderten die drei anderen Top-Piloten mit persönlichen und technischen Schicksalsschlägen während des Rennens: Siegkandidat eins, Michael Schumacher, hatte mit den Regenreifen auf schnell abtrocknender Strecke anfangs nicht die optimale Wahl getroffen und musste nach sechs Runden zum Stopp. Dabei verklemmte sich das linke Hinterrad.

Siegkandidat zwei, Juan-Pablo Montoya, war mit Fabelzeiten unterwegs, tankte aber während der zweiten Safety-Car-Phase und fiel so zurück. Siegkandidat drei, Kimi Räikkönen, erwehrte sich zwar prächtig des ihm im Nacken sitzenden Michael Schumacher. Der Finne hatte jedoch bei seinem Boxenstopp das Tempolimit um 1,1 km/h überschritten und musste einen Zwangshalt einlegen.

Von Runde 33 bis 42 war wieder Kandidat zwei (Montoya) in Führung, um sie nach dem Tank-Stopp an Kandidat eins (Schumacher) abzutreten. Der schien davonzufahren, bis er bei einer Fahrt über die Randsteine die Seitenleitbleche verlor und von der Rennleitung zur Reparatur an die Garage befohlen wurde. Der Weg schien erneut frei für Kandidat zwei, doch Montoya rutschte unbedrängt vom Gaspedal ab, als er aus einer Kurve heraus beschleunigen wollte.

Womit Siegkandidat vier, David Coulthard, das Quartett vervollständigte und seinen 13. Sieg einfuhr. Als Vierter wurde Michael Schumacher immerhin noch mit fünf Punkten belohnt. Während Nick Heidfeld in der 21. Runde mit defekter Radaufhängung austrudelte, schaffte es sein Mönchengladbacher Kollege Heinz-Harald Frentzen auf Rang sechs, Ralf Schumacher holte mit seinem BMW-Williams als Achter nach der neuen Punktevergabe noch einen Zähler.

Das neue Reglement hatte nur bedingt Einfluss auf die Dramaturgie. Wechselnde Witterungsverhältnisse, diffizile Boxenstopp-Strategien, eine mehr oder weniger glückliche Reifenwahl, zwei Neutralisierungsphasen mit dem Safety-Car, Fahrfehler, defekte und schließlich abgefallene Windleitbleche am führenden Ferrari komponierten eine für die Außenstehenden vergnügliche Berg-und-Talfahrt.

Völlig egal warum: Vom ersten Tag an ist diese neue WM-Saison spannend, das unkalkulierbare Taktikspiel bei der Qualifikation wird künftig auch bei geordneteren Verhältnissen einen weiteren Teil zur Unberechenbarkeit beitragen. "Der Schlüssel zu diesem abwechslungsreichen Rennen war, dass fünf Autos mit dem gleichen Spitzentempo vorn fahren konnten", freute sich Mercedes-Sportchef Norbert Haug, "so muss die Formel 1 sein."

Keine Illusion macht sich Haug, dass Ferrari weiterhin das Tempo vorgibt. Aber Schumacher hatte sich nicht geirrt, als er McLaren-Mercedes zum Geheimfavoriten kürte. Er findet es aber noch ein wenig früh, um zu analysieren, wer wo wirklich steht. Rot und Silber behalten sich noch den Einsatz ihrer Neuwagen zum Start der Europa-Saison vor und fahren mit aufgemotzten Gebrauchten, was Haug zum Werbespruch verleitete: "Mercedes-Jahreswagen sind eine Bank." Schumacher konterte: "Wir haben hier gesehen, dass wir auch mit dem alten Auto noch gewinnen können."

BMW-Williams ist bereits mit der Neuentwicklung am Start und konnte mehr aus dem weißblauen Renner herausholen als erwartet: "Wir haben unser Paket noch nicht unter allen Bedingungen im Griff, aber das Auto funktioniert gut. Ich bin zuversichtlich, dass die Formel 1 ein spannendes Jahr vor sich hat", sagte BMW-Direktor Mario Theissen. Doch das Rennen von Melbourne wird kaum zu toppen sein.

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