Crook: Blair schwer angeschlagen: Propaganda-Experte: "Iraker sind bisher die Gewinner"

Crook: Blair schwer angeschlagen
Propaganda-Experte: "Iraker sind bisher die Gewinner"

Tim Crook, führender Propaganda-Experte in Großbritannien, über die Fehler der Amerikaner und der Briten im "Medienkrieg" gegen den Irak.

Handelsblatt: Mit dem ersten Angriff auf den Irak hat auch der Propagandakrieg begonnen. Nach der ersten Woche - wer ist der Sieger in diesem Spiel?

Crook: Bis jetzt sind die Iraker die Gewinner. Sie haben Übertreibungen vermieden und realistische Angaben über die Anzahl der Toten durch die Luftangriffe gemacht. Zudem haben sie die Invasion der britischen und amerikanischen Truppen hingenommen, gleichzeitig aber diese Niederlage geschickt in einen Sieg verwandelt. Denn der Irak konnte erklären: Großbritannien und die USA kontrollieren die Wüste, wir dagegen jedoch die wichtigen Städte im Land. Viele Angaben des Irak wurden zudem ausgerechnet von den Journalisten, die bei den US/UK-Truppen mitreisen, bestätigt.

Hat die Koalition aus Amerikanern und Briten die Propaganda nicht im Griff?

Crook: Die Koalition hat eine Reihe grober Fehler gemacht. So hat sie einen schnellen Sieg und einen schnellen Kollaps des Irak-Regimes versprochen. Zudem wurde eine unangemessene Sprache benutzt, so blieben viele Botschaften widersprüchlich.

Gerade im Krieg ist die Wortwahl doch besonders wichtig?

Crook: Richtig. Die USA und Großbritannien haben zum Beispiel davon gesprochen, dass Saddam Hussein "enthauptet" werden müsse. Dieser Sprachgebrauch ist abstoßend und bereits zum Eigentor geworden. Viele dieser Ausdrücke könnten die USA und Großbritannien noch empfindlich verfolgen. Eine feinfühligere und klugere politische Sprache ist unbedingt nötig.

Haben die Amerikaner die Propaganda-Maschine von Saddam Hussein unterschätzt und ihn so eventuell noch stärker gemacht ?

Crook: Ja. Die USA und Großbritannien haben den Fehler gemacht, ihre militärische Aktion ganz auf Waffen zu stützen, statt auf "psyops" - also psychologische Operationen die den Einsatz der Waffen unterstützen. Saddam ist stärker geworden, da die Koalition scheinbar nicht mehr den Unterschied zwischen der Unterstützung von Saddams Regime und einem grundlegenden Patriotismus im Irak erkennt. Und nachdem die USA und Großbritannien die Erwartung eines schnellen Sieges aufgebaut haben, ist jeder Tag, den das Regime im Irak überlebt und Widerstand leistet ein Sieg für die Regierung im Irak.

Wie steht denn Großbritannien bislang im Propaganda-Krieg da?

Crook: Sehr schlecht. Am ersten Tag haben die Raketen-Präventivschläge auf Saddam Hussein die Briten total auf dem falschen Fuß erwischt. Premierminister Tony Blair und Verteidigungsminister Geoff Hoon wurden ohne vorherige Kosultationen erst in letzter Minute informiert. Alastair Campell (Blairs wichtiger Kommunikationschef, die Red) wurde angeblich in völliger Unkenntnis des Kriegsbeginns aus dem Bett geholt. Journalisten haben zudem britische Kommandeure im Nord-Kuwait als völlig überrascht beschrieben. All das gab den Eindruck, dass die Amerikaner das politische und militärische Kommando haben und London die Strategie diktieren. Auch die folgenden schnellen Erklärungen, man habe die Kontrolle über irakische Orte, die sich später eindeutig als nicht besiegt erwiesen haben, hat das Vertrauen und die Autorität der britischen Propaganda endgültig untergraben.

Hat das Folgen für das Image von Tony Blair?

Crook: Tony Blair war schon vorher schwer angeschlagen. Er und die britische Labour-Regierung wird auf jeden Fall weiter auf der Welle des Patriotismus und der Begeisterung für die eigenen Truppen reiten, die immer in Kriegszeiten immer in England hoch schwappt. Wenn aber die US/UK Koalition eine Reihe von schweren militärischen Rückschlagen einstecken muss und wenn sie den Propagandakrieg weiter verliert, und/oder wenn die Situation zu einem Vietnam des 21 Jahrhunderts wird - dann ist Blair politisch erledigt. Dann wird man ihm vorwerfen, dass Land enttäuscht zu haben. Wenn die US/UK-Koalition jedoch Saddams Regime in drei Wochen zerstören kann und die britischen Verluste unter der Zahl 250 bleiben - dann wird Blair politisch überleben.

Propaganda hat - vor allem in Deutschland - einen negativen Beigeschmack. Kann diese Art der Kommunikation im Krieg auch einen positiven Effekt haben?

Crook: Sicher, Propaganda kann Leben retten und das Ende eines Krieges beschleunigen. Propaganda muss keineswegs abwertend und verleumderisch sein. Wenn man einen triftigen Grund hat, kann sich eine solche Kommunikations-Strategie, die Menschen überzeugt, als durchaus gutartig erweisen. Winston Churchill hat einmal gesagt, dass im Krieg die Wahrheit manchmal durch einen Schutzwall von Lügen gerettet werden muss.

Was ist denn die beste Art der Propaganda?

Crook: Die nachprüfbare Wahrheit ist immer die beste Propaganda-Strategie. Am schwierigsten ist es, auf Propaganda zu setzen, wenn die Dinge schief laufen. Natürlich funktioniert Propaganda immer am besten auf der Seite der militärischen Gewinner.

Crook ist Professor für Medien & Kommunikation am Goldsmiths College, das zur University of London gehört. Crook hat mehrere Fachtitel zu dem Thema veröffentlicht. Sein neuestes Werk "Propaganda Studies" soll im kommenden Jahr erscheinen und auch den andauernden Irak-Krieg reflektieren.

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