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«Cruel and Tender» - Bestechendes Polit-Theater

Recklinghausen (dpa) - Zum Abschluss boten die diesmal prononciert politischen Ruhrfestspiele eine überragende Aufführung: Martin Crimps neues Stück «Cruel and Tender» («Grausam und zärtlich»).

Recklinghausen (dpa) - Zum Abschluss boten die diesmal prononciert politischen Ruhrfestspiele eine überragende Aufführung: Martin Crimps neues Stück «Cruel and Tender» («Grausam und zärtlich»).

Die in der Gegenwart angesiedelte Aktualisierung von Sophokles' «Die Frauen von Trachis» erwies sich als eine hintergründige Anaylse von Machtmissbrauch und menschlicher Verführbarkeit. Luc Bondy der berühmte Regisseur und Leiter der Wiener Festwochen hatte die Uraufführung zuerst in London und später in Wien gezeigt.

In Recklinghausen wurde die Deutschlandpremiere (in englischer Sprache) im Großen Haus der Ruhrfestspiele vom Publikum mit großem Beifall gefeiert. Der britische Dramatiker hat das Stück auf Anregung von Bondy geschrieben.

Der General - bei Sophokles Herkules - ist ins Gerede gekommen, seine Familie muss in der Nähe des Flughafens residieren. Amelia, seine Gattin, nimmt ihn in Schutz, selbstverständlich. Er ist zurzeit abwesend, Terroristenbekämpfung. Auch als Gerüchte sich verdichten, der General habe eine ganze Stadt brutal in Schutt und Asche gelegt («pulverisiert»), hält Amelia - glänzend gespielt von Kerry Fox - zu ihrem Mann. Erst, als zwei junge Leute aus Afrika auftauchen, wird sie hellhörig. In die blendend schöne Laela hat sich der General wohl verliebt, Amelia beginnt um ihren Mann zu kämpfen.

Bühnenbildner Richard Pedduzzi hat links oben, an der Wand der Residenz des Generals, ein Relief in antikisierender Manier gehängt: ein Schafbock liegt auf dem Rücken, ein Satyr penetriert das hilflose Tier. Peduzzi weist auf ein zentrales Motiv von Crimps Stück hin: die zerstörerische Gewalt fehlgeleiteter Sexualität.

Hinter allen Lebenslügen und Ausreden schält das blendende Ensemble langsam und unnachsichtig heraus, dass der General die Stadt nur aus einem Grund zerstört haben dürfte: er will das Mädchen. Seine Frau schickt ihm, von Eifersucht zerfressen, eine Ampulle, die ihn seiner Kampfkraft berauben soll - und ihn im Mark trifft. Die Anklagen gegen den General, er habe Menschenrechte verletzt, kommen dem Sohn gerade recht: Er kann den Vater aus dem Weg räumen, um selbst Karriere zu machen. Machtmissbrauch, wohin man schaut. Die Leute von unten sind weit entfernt, dem Treiben der Mächtigen Einhalt zu gebieten. Sie stehen in ihrem Dienst und interessieren sich vor allem für Zerstreuung.

Bondy, bekannt für seine sublimen szenischen Interpretationen, arbeitet mit Scharfsinn die Interessen der verschiedenen Figuren heraus, vertieft jede psychologisch - und wendet das Spiel zum Agitprop. Im Stück erscheint die Terroristenfurcht nichts als das fadenscheinige Gewebe der Herrschenden, hinter dem sie ihre eigenen Interessen verbergen wollen. Gleichzeitig ist dieser Kampf paradox: «...mein Mann wird abkommandiert», sagt Amelia, «mit dem Ziel - dem scheinbaren Ziel - /den Terror auszurotten: und begreift nicht/dass, je mehr er den Terror bekämpft/er umso mehr Terror schafft.. .» - Crimp und Bondy greifen Tony Blair und seine Politik frontal an.

Joe Dixon war wegen Heiserkeit indisponiert, er spielt den General. Dixon trat mit Mikrofon auf, ihm ist zu danken, dass eine bemerkenswerte Aufführung nicht ausfallen musste.

Die am Sonntag zu Ende gehenden Ruhrfestspiele boten unter ihrem neuen Festspielleiter, Frank Castorf, ein engagiertes Programm auf hohem Niveau, dennoch kamen zu wenige Zuschauer. Im Großen Haus blieben allzu oft zu viele Plätze frei. Die Ruhrfestspiele haben ein massives Problem.

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