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Crystal Meth

Der Mann hatte versucht, am helllichten Tag in ein Geschäft am Rande von Chinatown in Portland einzubrechen und ließ sich auch durch die Ankunft eines Streifenwagens nicht stören.

Der Mann hatte versucht, am helllichten Tag in ein Geschäft am Rande von
Chinatown in Portland einzubrechen und ließ sich auch durch die Ankunft
eines Streifenwagens nicht stören. Als die Polizisten ihn festnehmen
wollten, ging er mit einem Messer auf die Beamten los und wurde von ihnen
erschossen. Wie sich herausstellte, stand er unter dem Einfluss von Crystal
Meth. Crystal Methamphetamin ist keine neue US-Popgruppe. Crystal Meth ist
ein Rauschmittel, das die US-Drogenszene im Sturm erobert hat. Jeder
halbwegs begabte Chemiestudent kann es in seiner Küche aus leicht
verfügbaren Zutaten, darunter Hustensaft, zusammenbrauen. Meth ist billig
und in Städten wie Portland, San Francisco oder New York in fast jeder Bar
oder Diskothek zu haben. Crystal Meth ist die hochkonzentrierte Form von
Methamphetamin, das seine Karriere als Aufputschmittel für Fernfahrer und
Studenten unter Examensdruck sowie als Appetitzügler für Übergewichtige
begann. Es wirkt unmittelbar auf das zentrale Nervensystem und ruft als
Konzentrat eine länger anhaltende Euphorie hervor. Es macht in kürzester
Zeit süchtig und im Rausch sind Tweakers oder Meth Heads für jede
rationale Erwägung ihrer Handlungen und deren Risiken unzugänglich.
US-Kriminologen sehen in Crystal Meth eine neue Drogenepidemie, gegen die
Crack Kokain in den 80er Jahren ein Kinderspiel war. Portland registriert
einen sprunghaften Anstieg von Einbrüchen in Häuser und Autos durch
Meth-Süchtige. Unter Homosexuellen in San Francisco und New York wird
Crystal Meth als ultimatives Aphrodisiakum gehandelt.

Der Preis der Meth-Sucht ist hoch. Bürgerliche Existenzen zerfallen in
kurzer Zeit, die Gesundheit wird irreversibel angegriffen unter anderem
fallen die Zähne aus. Die Portland-Tageszeitung The Oregonian
veröffentlichte im Rahmen einer Artikelserie über Meth Bilder von Süchtigen:
Sie sahen aus, als wären sie um 20 Jahre gealtert innerhalb von weniger
als zwei Jahren. In San Francisco und New York registrieren Kliniken nach
Jahren des Rückgangs einen alarmierenden Anstieg von Infektionen mit HIV,
dem Aids-Virus. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörden stieg die Gesamtzahl
der Amerikaner mit HIV zum ersten Mal über eine Million, die Zahl der
jährlichen Neuinfektionen liegt nach einem Rückgang auf gut 41000 im Jahre
1999 mittlerweile bei deutlich über 60000, schätzen Gesundheitsexperten. Als
Hauptursache für den Anstieg gilt die Kombination einer durch das Internet
stark vereinfachten Partnersuche mit der allgegenwärtigen Stimulationsdroge
Methamphetamin, die nicht nur alle Hemmungen, sondern jedes
Risikobewusstsein beim Sex beseitigt. Antworten auf die Meth-Seuche reichen
bislang von der Abschaffung des freien Verkaufs von Hustensaft bis zum
üblichen kriminalisieren und einsperren. Nichts konnte sie bislang
eindämmen. Europa sollte sich auf einiges gefasst machen.


Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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