CSU erlebt ein noch nie da gewesenes Debakel
Untergang einer Staatspartei

Der wie immer tadellos sitzende schwarze Anzug von CSU-Chef Erwin Huber passt zum Anlass, auch Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein trägt angemessenes Schwarz: Die schwarze Säule für das CSU-Ergebnis ist bei tödlichen 43 Prozent hängengeblieben. Ein Begräbnis zweiter Klasse für das stolze „Mir san Mir“.

MÜNCHEN. Der Abgesang für das überhebliche „Mir san die Mehrern“. Der Absturz einer Staatspartei, die gern so tat, als hätte es das Weißbier, die Weißwürste und gleich alle bayerischen Weltkonzerne ohne sie nie gegeben. An diesem Abend bebt in Bayern der Erdboden.

Es braucht nur 41 Minuten nach der ersten Prognose um 18 Uhr, bis sich Parteichef Huber und Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein in ihr Schicksal fügen und ans Rednerpult treten. Das Kinn trotzig nach vorne gereckt, sichtlich um Fassung bemüht, spricht zuerst Huber. „Wir haben unser Wahlziel nicht erreicht, das ist ein schmerzhafter Tag für die CSU“, murmelt Huber im Ton eines Beerdigungspredigers und ringt sichtlich um die richtigen Worte. In diesem Moment wirkt der Mann aus Niederbayern wie ein kleiner Junge in Lederhosen, der von seiner Mutter geschimpft wird, er habe das Erbe des Übervaters Franz Josef Strauß verspielt. Jetzt weiß er nicht so recht weiter, der Bub. Mutter und Vater sollen ihn doch wieder lieb haben, flehen Hubers Augen.

Doch die CSU-Wahlkämpfer im Saal klatschen nur schal und leise in die Hände und schauen ihn geschockt an. Sie erwarten eine Erklärung – und bekommen nur Durchhalteparolen: „Es wird keine übereilten Personalbeschlüsse geben“, verspricht Huber. Ein Versprechen, das wohl vor allem ihm selbst gilt. Und dem Mann, der da neben dem Rednerpult an seiner Seite steht. Die Partei habe Vertrauen in die Gestaltungskraft von Ministerpräsident Günther Beckstein, sagt Huber. Alle wissen aber an diesem Abend, die CSU lebt vom Nimbus der Unbesiegbarkeit. Für sie ist der Fall unter die 50-Prozent-Marke kein Ausrutscher, sondern der Verlust des weiß-blauen Markenkerns, das Ende einer Epoche.

„Auch Beckstein will sich an sein Amt klammern“, heißt es kurz nach der Wahlprognose aus der Staatskanzlei. Das bewahrheitet sich: Beckstein stellt sich sofort als Ministerpräsident einer Koalition zur Verfügung, versucht zu retten, was zu retten ist. Er sei „kalt erwischt worden“, die Höhe der Verluste sei weit größer als vorhergesagt wurde, sagt Beckstein. Trotzdem stehe er für eine Koalitionsregierung zur Verfügung.

Ein paar Stunden später auf den Fluren des bayerischen Landtags gibt es eine erregte Fehlersuche bei den CSU-Anhängern. Ihnen graut vor dem heutigen Montag, wenn der Tsunami über die Parteispitze hereinbrechen wird, ausgehend von der CSU-Basis. Der frühere Staatssekretär Hans Spitzner nimmt kein Blatt vor dem Mund: „Die Lage ist beschissen, und das wird auch Konsequenzen haben.“ Einer aus der aktiven Parteispitze wird deutlicher und sagt: „Huber und Beckstein haben heute die jahrzehntelange Arbeit von Strauß und Stoiber zerstört.“ Ein anderer erzählt dann noch zur Aufheiterung die Geschichte aus dem Jahr 1918, als ein Arbeiter im Englischen Garten auf den alten König Ludwig zuging und ihm angesichts der drohenden Revolution empfahl: „Majestät, genS' hoam, sonst passiert Ihnen was.“ So weit werde es bei Huber nicht kommen, sagt er dann noch. Doch die anderen in der Runde lächeln verhalten und schweigen dazu.

Die potenziellen Revolutionäre lassen sich an diesem Abend erst gar nicht im Landtag blicken. An der Seite Hubers will sich jetzt keiner vor die Kameras stellen, an denen sie sonst nicht vorbeigehen können. Parteivize Horst Seehofer funkt aus Ingolstadt sein Beileidstelegramm durch. Der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber hat das Glück, dass er ja seinen Geburtstag in Wolfratshausen feiern muss, und sein Zögling Markus Söder bleibt lieber in Nürnberg. Ihre Stunde schlägt in den nächsten Tagen und Wochen, das wissen sie, wozu also sich eilen.

Den Boden für den Aufstand bereiten SPD, Freie Wähler und FDP, die sich mit Häme und Spott nicht zurückhalten. Das trägt zusätzliche Früchte: Am sehr späten Abend schwirren im Landtag bereits die Gerüchte, Stoiber habe aus Wolfratshausen die Devise ausgegeben, es müssten die Köpfe von Huber und Beckstein rollen.

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