Da war Pfeffer drin
Christiansen und Illner würzten das TV-Duell

Zum Schluss reichten sich alle die Hand: Zuerst gratulierten sich die Fragestellerinnen Sabine Christiansen (44) und Maybrit Illner (37) nach dem Ende des zweiten TV-Duells vor laufender Kamera zum Rede-Wettstreit zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Dann schüttelten sich alle, die Journalistinnen und Politiker, die Hand.

HB HAMBURG. Schließlich posierten die beiden Moderatorinnen von ARD und ZDF, die vor 15,26 Millionen Zuschauern in ARD und ZDF die Sendezeit von ursprünglich geplanten 75 Minuten um zehn Minuten überzogen hatten, gemeinsam mit den Politikern für die im Studio anwesenden Fotografen.

Wenige Minuten später machte Christiansen in einem Kurzinterview mit ihrem Kollegen Thomas Roth klar, dass es ihnen gelungen sei, die "starren Regeln aufweichen zu können", aber in gerechter Form für beide Kandidaten. Sie räumte aber ein, dass es schwer gewesen sei, sich gegen die "Wahlkampfparolen durchsetzen zu können". Ehrliche Antworten auf die angeschnittenen Fragen werde es erst - wie immer - nach der Wahl geben. Fest stand aber: Auch dank des ARD/ZDF-Duos Christiansen und Illner besaß das zweite Duell mehr Schwung als die Premiere zwei Wochen zuvor mit Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (SAT.1).

Mit dazu beigetragen haben mag auch die Rollenverteilung der beiden Frauen: Während ARD-Talkshowmoderatorin Christiansen, die ein eierschalenfarbenes Kostüm trug, vornehmlich bei der Einleitung neuer Themenkomplexe mit fester Stimme und gelegentlich mit Brille in der Hand im Stile eines Erich Böhme dominierte, stellte ZDF-Kollegin Illner (im milchkaffeefarbenen Blazer) die meisten Nach- und Zwischenfragen. Christiansen machte sich aber gleich zu Beginn um die Lockerheit des Duells verdient, als sie Schröder eine Replik auf Stoibers Ankündigung, die 40-Prozent-Marke überspringen zu wollen, gestattete - dies hatte Illner einen Atemzug zuvor verhindern wollen, um die nach der ersten Runde heftig kritisierten Regeln einzuhalten.

Die angestellte ZDF-Mitarbeiterin Maybrit Illner lehnte sich in der Zeit danach dafür manchmal einen Tick weiter aus dem Fenster als ihre selbstständige TV-Kollegin Christiansen. So meinte sie zum Bundeskanzler einmal mit betonter Verblüffung: "Sie lesen Ticker- Meldungen." Oder sie nannte den bayerischen Innenminister in einer Anspielung im Nebensatz "einen alten Freund von Otto Schily". Harte Nachfragen mussten sich beide Kandidaten etwa danach gefallen lassen, wie denn nun ihre Modelle für den Fall einer großen Koalition aussähen, oder ob Schröder sich in einer solchen politischen Konstellation auch das Amt des Vizekanzlers vorstellen könne - konkrete Antworten dazu bekamen die Interviewerinnen aber nicht.

In einigen Fällen blieben die Nachfragen jedoch auch aus. Stoibers Vorwurf an den Bundeskanzler, er telefoniere mit US-Präsident George Bush im Fall der Irak-Politik nicht, ließ Schröder unbeantwortet. Auch Christiansen und Illner hakten nicht nach. Umweltfragen schnitten sie überhaupt nicht an, wie auch Christiansen hinterher einräumte. Und gegen Stoibers häufige Rückkehr zum Thema Arbeitslosigkeit fanden die beiden schließlich auch kein Rezept. Gelegentlich schimmerte auch Christiansens alte Schwäche durch, die redenden Politiker gelegentlich an den falschen Stellen zu unterbrechen. Die Zwischenbemerkungen verpufften damit ohne Wirkung.

Der lockere Eindruck beim zweiten Teil des Fernseh-Redewettstreits der Spitzenkandidaten, dem ersten in der deutschen Geschichte, scheint den Befürwortern dieser Art von Wahlkampf nachdrücklich Recht zu geben. Uns so wird sich das TV-Duell nach amerikanischem Vorbild wohl im Vorfeld auch künftiger Bundestagswahlen etablieren.

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