Dämliche Regeln
Esther Dyson relativiert die Rolle der Internet-Organisation Icann

Das Interview im Wortlaut

Ihr Retter am Flughafen hieß Andy Müller-Maguhn. Der Sprecher des Chaos Computer Clubs half Esther Dyson nach dem ersten NetzwertKongress in Berlin, ihren Air-France- Flug nach Paris umzubuchen. Auch sonst haben der frühere Keller-Hacker und die amtierende Icann-Chefin bei ihrem ersten Treffen Gemeinsamkeiten entdeckt: "Er ist ein prima Kerl, ich mag ihn", sagt Dyson. "Wir haben in vielen Dingen ganz ähnliche politische Ansichten."



Wer beide kennt, kann sich denken, welche Ansichten das sein dürften: Wenig Regulierung und viel Eigenverantwortung, keine zentrale Macht und wenig übergeordnetes Recht. Aber vor allem: Selbstverwirklichung.



Icann, das wissen beide, ist nicht die richtige Plattform, um diese Vorstellungen durchzusetzen. Das Non-Profit-Unternehmen wurde von der amerikanischen Regierung beauftragt, InternetKürzel wie com oder org zu vergeben. Immer wieder in der Kritik der Netz-Gemeinde, öffnete sich Icann in den vergangenen Monaten und ließ einen Teil des Direktoriums per Internet wählen.



Auch das ließ die Kritiker nicht verstummen: Technische Probleme, merkwürdige Kandidaten - Icann geriet immer heftiger unter Beschuss. "Wir haben Fehler gemacht", gesteht die Icann-Chefin. Und Müller-Maguhn sagte sie, sie habe sich im Direktorium oft nicht durchsetzen können.



In ausgerechnet dieses Gremium beförderten die Netz-Bürger nun den vehementen Icann-Kritiker vom Computer Club. Der machte sich zunächst aus seiner Kandidatur einen Jux, nun prüft er allerdings Angebote "mehr oder weniger sympathischer Organisationen", die ihm den Spaß finanzieren wollen. Ob es jedoch wirklich so lustig wird, bezweifelt er nach dem Gespräch mit Dyson ernüchtert: "Ich frage mich, für was oder wen ich das mache." Bereits im Vorfeld nehme die Arbeit Ausmaße an, die ihn im Netz Hilferufe nach Rat und Geld starten lassen. Suspekt ist ihm die Icann-Organisation dabei noch immer: "Je mehr Macht sie hat, um so mehr Missbrauch wird entstehen."



Für Dyson war es vor zwei Jahren pure Neugier, die sie den Chefsessel besteigen ließ. Als Journalistin und Gründerin des Wagnisfinanzierers Edventures forderte die Aufgabe sie heraus. Sie hatte sich indes nicht träumen lassen, dass Icann heute als Internet-Regierung tituliert würde. "Das ist absolut überbewertet. Wir regieren nicht, wollten es niemals und werden es nicht."



Besonderen Gefallen an dem Gedanken einer Netz-Regierung hätten außerdem nur die Deutschen gefunden. Wenn die gebürtige Schweizerin in ihrer New Yorker Luxuswohnung in die Presse schaut, schüttelt sie häufig den Kopf: "Mag sein, dass das mit der deutschen Geschichte zusammenhängt." Verstanden hätten die Deutschen die Vergangenheit aber nicht. Im Internet solle niemand regieren. Private Verträge und regionales Recht reichten aus, um sicheren Boden zu schaffen. Doch während sie das sagt - und mit blinzelnden Augen die Beine mädchenhaft über der Sessellehne baumeln lässt - entsteht der Eindruck, ihr behage auch das nur wenig.



Überhaupt - die Icann. Zwei Jahre stand die Internet-Ikone Dyson der Einrichtung vor. Am 16. November, nach der nächsten Sitzung des Vorstandes, wird sie diese Organisation ohne Reue verlassen. "Ich freue mich, nicht mehr für eine Meinung kritisiert zu werden, die ich nicht teile." Ein Teil des freien Geistes blitzt bereits durch, bevor Dyson wieder ihre eigene Herrin ist. Sie habe Standpunkte einer Firma - Icann ist keine Behörde, wie sie betont - vertreten, ohne richtigen Glaube daran.



Maßlos überschätzt sei Icann, deren Sinn gerade nicht darin bestehe zu herrschen. Genau deshalb habe die US-Regierung den Bereich einer privaten Einrichtung zugeteilt. Sicherlich: Die hätte ihren Sitz nicht in Europa, aber immerhin sei das Internet eine amerikanische Erfindung und im Direktorium säßen Vertreter aller Kontinente.



Wahre Herrschaft, meint Dyson, sei im Netz ohnehin unmöglich: "Dämliche Regeln" hätten keine Chance. "Die Leute gehen einfach in Bereiche des Internets, die nicht kontrolliert werden können." Sie gibt zu, dass vor allem der willkürliche Ablauf und die schlampige Organisation der Direktoriumswahlen das Icann-Image weiter ramponiert hätten. "Aber sie können vieles nicht ändern, selbst wenn sie wollen. Das ist eine Frage der Ressourcen, nicht der Entscheidung." So sei die Kapazität an Personal und Technik zu gering gewesen - womit Icann die selben Erfahrungen machte wie viele Startups.



Auch das Netz selbst hält Dyson für überschätzt. Es sei nur ein Instrument, man könne Geld damit verdienen oder auch verlieren. Aber: "Das eigentliche Internet interessiert mich überhaupt nicht." Wichtig sei allein, was die Menschen damit machen: Es könne mehr Transparenz und damit Gerechtigkeit schaffen - nicht immer zur Freude der Regierungen.



Ähnlich kategorisch kanzelt Dyson vermeintliche Goldgräber-Geschäftsmodelle ab: "Das Internet wird wie die City von Berlin sein. Es gibt Kneipen, Geschäfte oder Hotels wie dieses, in denen sich Unternehmer treffen." Sei es der Handel zwischen Firmen oder Geschäfte mit den Endkunden - im Prinzip völlig egal. Die Strategie bedeute nichts, die Ausführung alles: Nur was gut läuft, setzt sich durch.



Dyson will, dass auch ihr Leben wieder läuft und die Stagnation der IcannZeit mit all den repräsentativen Pflichten endet. "Wenn Sie mit ihrem eigenem Geld Geschäfte machen, sind Sie frei, brauchen keinen zu fragen. Und je mehr Profit Sie machen, um so unabhängiger sind Sie" - womit die 49jährige nicht zuletzt sich selbst meint.

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