Dänen zögern vor Abstimmung über Euro-Einführung
Verlierer-Image macht Gemeinschaftswährung zu schaffen

afp BERLIN/KOPENHAGEN/LONDON. Weniger als 88 US-Cent wollten Devisenhändler in London am Mittwoch noch für einen Euro zahlen. Für die mit großem Trara und einem rund ein Viertel höheren Wechselkurs gestartete Gemeinschaftsdevise reißt die Serie schwarzer Tage damit nicht ab. Während Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Amtsvorgänger Helmut Schmidt (beide SPD) zur Gelassenheit mahnen, drückt der schwache Wechselkurs immer stärker auf die Stimmung. In drei Wochen steht mit der Volksabstimmung über den Euro-Beitritt Dänemarks der nächste Lackmustest für die Einheitsdevise an. Die Dänen zögern vernehmlich, und auch bei den traditionell Euro-skeptischen Briten wächst angesichts des Verlierer-Images der Widerstand gegen die Gemeinschaftswährung.

"Der Euro fällt immer tiefer. Wann wissen wir, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist?" fragt ein Teilnehmer in der Online-Diskussion der dänischen Tageszeitung "Berlingske Tidende". Deutsche-Bank-Volkswirt Michael Lewis jedenfalls sieht ein solches Ende nicht: In den nächsten Monaten sei keine Aufwärtsbewegung in Sicht, sagt der Londoner Experte. Für ihn ist sogar ein künftiger Euro-Kurs von 85 US-Cent "ziemlich wahrscheinlich". Dabei müht sich die Wirtschaft in der Euro-Zone derzeit nach Kräften und der Arbeitsmarkt in Deutschland als wichtigstem Euro-Staat hellt sich offenbar zunehmend auf.

"Schlechte Nachrichten für den Euro sind das alles nicht", unterstreicht die Volkswirtin der Canadian Imperial Bank of Commerce, Audrey Childe-Freeman. "Aber die Europa-Währung hat schon lange nicht mehr positiv auf freundliche Wirtschaftsdaten reagiert. "Schröder gibt sich unbesorgt, Schmidt fordert auf, das "Gejammer" zu beenden. "Wer den Euro schlechtredet, spielt bloß jenen Finanzmanagern in die Hände, die bei jedwedem Auf und Ab verdienen", mahnt er in einem "Zeit"-Leitartikel. Schließlich bestimmten "die Finanzspekulation und der Herdentrieb der Händler" inzwischen die Wechselkurse, Ein- und Ausfuhren spielten nur noch eine ganz geringfügige Rolle".

Die jüngsten Wechselkursbewegungen seien angesichts magerer Handelsumsätze überzeichnet, betont Commerzbank-Analyst Nick Parsons. "Mit Fundamentaldaten hat das nichts zu tun, es bekommt eine ganz eigene Dynamik." Wo Anleger und Händler gute Nachrichten für den Euro ignorierten und sich stattdessen an jeden Grund zum Verkauf klammerten, könne der schwache Wechselkurs auch die öffentliche Meinung gegen den Euro aufbringen, warnt Deutsche-Bank-Experte Lewis.

Widerstand bei den Briten wächst

Gerade in Dänemark sind die Menschen in diesem Tagen empfindlich für schlechte Botschaften. Jeder Sechste bis jeder Achte ist sich jüngsten Umfragen zufolge noch nicht sicher, ob er bei der Volksabstimmung am 28. September für den Euro und gegen die Krone stimmen wird. Die Sozialdemokaten von Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen halten zwar weiter Kurs auf den Euro. Doch Nyrup kann weder auf eine echte Regierungsmehrheit setzen noch auf das volle Vertrauen der um ihren Wohlfahrtsstaat bangenden Skandinavier.

In Großbritannien, wo die Regierung von Tony Blair die Euro-Entscheidung ohnehin erst nach den nächsten Wahlen treffen will, starteten mehr als 300 Spitzenmmanager am Mittwoch eine Kampagne gegen die Gemeinschaftsdevise. Die Kampagne zweier angeblich unpolitischer Gruppen trifft den Nerv: Die Konservativen wollen Labour-Regierungschef Blair mit einem gegen den Euro gerichteten Wahlkampf stürzen. Das Pfund kletterte indes auf mehr als 3,21 Mark und damit weiter in Höhen, die der Exportwirtschaft auf der Insel das Leben schwer machen und auswärtige Investoren abschrecken.

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