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"Dafür muss einer bezahlen"

Wie der größte Stromausfall in der Geschichte Nordamerikas seinen Lauf nahm - und was nun geschehen muss

Exakt um 16.11 Uhr zeichnete sich Katastrophe auf den Monitoren ab. "Es begann mit kleinen Stromschwankungen, die drei Minuten später so stark eskalierten, dass sie nicht mehr zu kontrollieren waren", berichtet später William Museler, Präsident, des New York Independent System Operators. Was die Fachleute im New Yorker Kontrollzentrum auf ihren Schirmen am Donnerstagnachmittag sehen, ist eine riesige Strommenge von 500 Megawatt, die über Hochspannungsleitungen von Michigan rund um den Erie-See weiter in die kanadische Provinz Ontario und von dort nach New York fließt.

Das ist in Zeiten freier Energiemärkte nicht ungewöhnlich, sorgen doch geschäftstüchtige Stromhändler dafür, dass die Elektrizität über Tausende von Meilen dorthin geleitet wird, wo sie am besten bezahlt wird. Völlig überraschend jedoch kehrt der Stromexpress um und rast in doppelter Stärke zurück nach Westen. Das Netz kann diesen Stromstoß nicht verkraften, der größte Kurzschluss in der Geschichte Nordamerikas nimmt seinen Lauf. Die Spezialisten in den Kontrollzentren der Leitungsbetreiber müssen hilflos zusehen, wie ihre Sicherheitssysteme versagen.

Mehr als 100 Kraftwerke, darunter 22 Nuklearreaktoren, schalten sich in einer Kettenreaktion automatisch ab, nehmen schlagartig 61 800 Megawatt aus dem Netz und legen damit innerhalb weniger Minuten fast den gesamten Nordosten Nordamerikas lahm. Für rund 50 Millionen Menschen geht das Licht aus, bleiben Züge stehen, halten Fahrstühle an. In der Autostadt Detroit stehen die Bänder still. Nichts geht mehr.

"Ich muss noch nach Stamford", sagt Jill Davis. Die schwarze Sekretärin hat gerade ihr Büro im World Financial Center in Downtown Manhattan verlassen. Da die U-Bahn nicht fährt, macht sie sich jetzt in ihren Nike-Turnschuhen zusammen mit Zehntausenden in der heißen Nachmittagssonne zu Fuß auf den Weg zum sechs, sieben Kilometer entfernten Bahnhof Grand Central in Midtown. Von dort fahren die Vorortzüge in Richtung Norden. Aber nicht ohne Strom. Nach acht Stunden des Wartens und einem Nickerchen auf dem sonnengewärmten Teer der Vanderbilt Avenue vor dem Bahnhof wird sie um zwei Uhr nachts von einem Bekannten abgeholt. Für Jill Davis ist das Ärgernis damit vorbei, die Politiker wird der Stromausfall dagegen noch lange beschäftigen.

Es kann noch Tage dauern, bis die genaue Ursache gefunden ist. Die Regierungen in Washington und Ottawa haben eine gemeinsame Untersuchung angekündigt. "Wir sind ziemlich sicher, dass das Desaster in Ohio seinen Anfang nahm", sagt Michehl Gent, Präsident des North American Electric Reliability Council (NERC). Bereits eine Stunde vor dem Crash am Erie-See habe es Störungen in Cleveland gegeben.

Ursache dafür könnte der Ausfall eines Kraftwerks gewesen sein, das nach Angaben des örtlichen Energieversorgers First Energy am frühen Nachmittag vom Netz ging. Danach nimmt das Schicksal seinen Lauf: Um 15.06 bricht die erste Hochspannungsleitung südlich von Cleveland zusammen. Der Strom sucht sich seinen Weg über eine parallel verlaufende Leitung, die jedoch um 15.32 unter der Last heiß läuft, zu Boden geht und auf einen Baum stürzt. Es kommt zu einem Kurzschluss, weitere drei Stromadern versiegen im Abstand von zehn Minuten. Aufzeichnungen der Überwachungsfirma Softswitching Technologies zeigen dramatische Spannungsverluste in der Region Cleveland.

Derartige Leitungsstörungen lassen normalerweise im Kontrollzentrum von First Energy rote Alarmlichter aufleuchten. Nicht an diesem Donnerstag. Das Warnsystem arbeitet nicht. Man habe von der Sicherheitslücke gewusst und auf ein Reservesystem bei der regionalen Kontrollstelle Midwest Independent System Operator vertraut, sagte First-Energy-Sprecher Ralph DiNicola. Der Überwachungsverein registriert jedoch nach eigenen Angaben "Tausende Alarmmeldungen jede Minute". Die Störungen in Cleveland bleiben so unbemerkt und der Blackout breitet sich aus.

Den Zusammenhang zwischen den Leitungsfehlern in Cleveland und dem Stromstoß am Erie-See haben die Ermittler noch nicht herstellen können. Ebenso wenig wissen sie, warum alle Sicherheitssysteme versagt haben. "Das System und die Regeln waren so gestaltet, dass es eigentlich keine Eskalation hätte geben dürfen", sagte der Chef der zuständigen Behörde, Gent. Er fühlt sich "persönlich blamiert".

So ratlos die Experten noch über Details grübeln, so einig sind sich alle, dass das veraltete Leitungsnetz die Schuld trägt. "Wir nehmen den Stromausfall als einen Weckruf, um das veraltete Netz zu modernisieren", sagte US-Präsident George W. Bush am Freitag auf einer Wahlkampfreise in Kalifornien. Bill Richardson, Energieminister unter Bill Clinton und jetzt Gouverneur in New Mexico, nannte die USA "eine Supermacht mit einem Elektrizitätsnetz aus der Dritten Welt".

Tatsächlich sind viele Leitungen bereits Jahrzehnte alt und nicht mehr in der Lage, die ständig wachsenden Strommengen zu transportieren. Während die Nachfrage nach Elektrizität seit 1990 um 25 Prozent gestiegen ist, sind die Investitionen in das Leitungsnetz um 30 Prozent gesunken.

Stromausfälle sind in den USA nicht ungewöhnlich. In New York gab es Blackouts bereits 1965 und 1977. An der Westküste und in Texas fiel der Strom 1996 massenweise aus. In Kalifornien ließ die Energiekrise vor zwei Jahren regelmäßig Lichter und Klimaanlagen ausgehen. "Es ist nicht die Frage, ob, sondern nur wann der nächste Zusammenbruch des Leitungsnetzes erfolgt", sagte NERC-Justiziar David Cook schon vor zwei Jahren. Rund 56 Milliarden Dollar seien notwendig, um das "antiquierte Netz" (Bush) zu modernisieren, glaubt Cook.

Notwendig sind nicht nur neue Leitungen. Ebenso wichtig ist es, das Elektrizitätsnetz technisch so auszurüsten und zu steuern, dass Störungen sich nicht wie ein Lauffeuer ausbreiten können. Während sich die meisten Neuengland-Staaten mit moderner Technik gegen den Mega-Blackout abschirmen konnten, musste New York tatenlos zusehen, wie ihm der Stecker rausgezogen wurde. "Das darf einfach nicht passieren. Wir leben im Jahre 2003", schimpfte New Yorks Gouverneur George Pataki.

Die demokratischen Präsidentschaftskandidaten nutzen die Gunst der dunklen Stunden und machen den Blackout zum Wahlkampfthema. Während der Abgeordnete Dick Gephardt den Kuschelkurs der Regierung gegenüber der Energiewirtschaft für den Stromausfall verantwortlich macht, kritisiert Senator Bob Graham aus Florida, dass nach den Steuersenkungen das Geld für die Modernisierung der Infrastruktur fehlt.

New Yorks Senatorin Hillary Clinton hält die Deregulierung der Strommärkte für die eigentliche Ursache. "Die Regierung treibt die Deregulierung und Privatisierung ständig voran", kritisierte die ehemalige First Lady die Bush-Administration. Eine Modernisierung des Leitungsnetzes hat jedoch auch unter Bill Clinton nicht stattgefunden.

Richtig ist, dass die Deregulierung der Energiemärkte während der 90er-Jahre die Investitionsanreize für die Energieunternehmen sehr ungleich verteilt hat - und so das Problem weiter verschärft. Während die Produktion und vor allem der Handel mit Elektrizität durch den freien Verkauf von großen Strommengen über Staatsgrenzen hinweg ein lohnendes Geschäft sind, haben die ehemaligen Gebietsmonopolisten die Marktöffnung bislang nur als Angriff auf ihre frühere Alleinherrschaft erlebt; sie investierten nicht in ihre Netze. Und für die Newcomer auf dem Markt lohnt sich der Aufbau eines zweiten Netzes nicht. Die Folge: immer größere Megawatt-Pakete werden verschickt. Das Netz ächzt und bricht unter der Last zusammen.

Bush hat bei seinem Amtsantritt 2001 zwar ein neues Energiegesetz in den Kongress eingebracht, das unter anderem auch eine Modernisierung der Stromleitungen vorsieht. Das Vorhaben ist jedoch stecken geblieben. Nun will Bill Tauzin, Vorsitzender im Energieausschuss des Repräsentantenhauses, sofort nach der Sommerpause eine Anhörung zu dem Blackout ansetzen.

Einer der wichtigsten Zeugen dürfte Patrick Wood sein. Er ist Chef der Federal Energy Regulatory Commission (FERC), die den freien Strommarkt in den USA überwachen soll. Wood kämpft seit langem dafür, das Leitungsnetz mehrerer Bundesstaaten unter eine gemeinsame Kontrolle zu stellen. "Die Kettenreaktion des Stromausfalls war eine Lehrstunde dafür, wie wichtig regionale Koordination und Planung sind", sagt Wood. Bislang haben die Netzbetreiber und Stromproduzenten nahezu freie Hand.

Nach dem Mega-Blackout der vergangenen Woche könnte sich das ändern. Spätestens seitdem die Kalifornier ihren Gouverneur Gray Davis auch wegen des dortigen Energiedesasters abwählen wollen, weiß man landesweit um die politische Brisanz des Themas. Wie sagte doch ein erschöpfter Investmentbanker, nachdem er in der dunkelsten Nacht des Jahres auf der Straße vor dem New Yorker Bahnhof Grand Central hatte schlafen müssen: "Dafür muss einer bezahlen."

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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