DAI: Schärfere Gesetze reichen nicht aus
Börsenkrise: Viele Anleger haben die Nase voll

Die anhaltende Börsenkrise fordert Opfer: Die Aktionäre in Deutschland ziehen sich enttäuscht zurück. So ging sowohl die Zahl der Aktienbesitzer in der ersten Jahreshälfte zurück, aber auch die Zahl der Fondsbesitzer hat im Vergleich zum Vorjahreszeitraum abgenommen.

HB FRANKFURT. In Deutschland besitzen noch rund 11,6 Mill. Personen Aktien oder Fonds, berichtet das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Das sind 14 % weniger als im Vorjahr. Besonders die Zahl der direkten und indirekten Aktienbesitzer schrumpfte gewaltig. Sie lag im 1. Halbjahr 2002 mit 4,7 Mill. Personen um ein Fünftel unter ihrem Vorjahreswert. Die Zahl der Fondsbesitzer verringerte sich in einem weit geringeren Maße. Im Vergleich zum 2. Halbjahr 2001 hat sich deren Zahl sogar wieder etwas erholt.

Allerdings sind auch die Statistiken des Fondsverbandes BVI wenig ermutigend: Im Juni haben Anleger erstmals seit September mehr Aktienfondsanteile verkauft als erstanden, gefragt waren vor allem Immobilienfonds. "Die meisten Kleinanleger haben die Nase voll", bilanziert der Börsenpsychologe Gianni Hirschmüller vom Analysehaus Cognitrend. Zumal es unter den zahlreichen Noch-Aktionären viele Wertpapier- Besitzer geben dürfte, die sich um ihre Depots einfach nicht mehr kümmern. "Viele Direktbanken klagen über Depotleichen von Anlegern, die seit Monaten weder etwas kaufen noch verkaufen."

Von einer Flucht aus dem Anlageinstrument Aktie will das DAI aber noch nicht reden. Immerhin haben sich in der zweiten Jahreshälfte 2001 weniger Aktionäre von der Börse verabschiedet als noch im ersten Halbjahr. Und auch die Monatszahlen des BVI sind nach Ansicht von Experten zu kurzfristig, um einen Trend abzuleiten. Allerdings fordert das DAI "strengere Maßnahmen" gegen Bilanzfälschungen, Insiderhandel und "fragwürdiges Analystenverhalten", um künftig größere Einbrüche zu vermeiden.

"Schärfere Gesetze reichen aber nicht aus, vor allem die Aufsicht muss elementar verstärkt werden", meint DAI-Volkswirt André Wetzel. Doch auch er sagt, dass Vertrauen schnell zerstört wird und nur langsam wieder zurückkehren kann. Steigende Kurse wären eine wichtige Voraussetzung, betont Börsenexperte Hirschmüller. Doch aus der Reihe der aktuellen Aktionäre dürften in nächster Zeit angesichts der großen Verluste kaum Impulse ausgehen. "Da braucht es neue Interessenten."

Kein Wunder, denn durch das Abenteuer Börse verloren die privaten Haushalte allein in den Jahren 2000 und 2001 Vermögen im Wert von 160 Milliarden Euro, wie die Bundesbank errechnete. Zu den Skandalen am Neuen Markt gesellten sich die Bilanzfälschungen riesiger Konzerne in den USA und abfällige interne Bemerkungen von Analysten über Aktien, die sie nach außen wortreich empfohlen hatten.

Hoffnungsschimmer

Einen Hoffnungsschimmer bietet das Stimmungsbarometer der Vermögensverwaltung J.P. Morgan Fleming Asset Management, das mit der Konsumforschungsinstitut GfK erstellt wurde. Zwar rechneten die privaten Anleger im Juli erstmals damit, dass sich die Aktienmärkte in den kommenden zwölf Monaten negativ entwickeln werden. Doch mehr als die Hälfte derjenigen, die in den kommenden Monaten anlegen wollten, gaben europäische Aktienfonds als Ziel an. Ein knappes Drittel plant in global investierende Aktienfonds anzulegen.

Auch der Mannheimer Professor Martin Weber, Spezilist für Finanzwirtschaft, zeigt sich davon überzeugt, dass die junge Aktienkultur in Deutschland durch die aktuelle Krise nicht nachhaltig beschädigt wird. "Die Leute müssen heute mehr für die eigene Altersvorsorge sparen, es ist nur rational, einen Teil davon in Aktien anzulegen." Normalverdiener dürften aber nicht mehr 80 % ihres Geldes in Aktien anlegen, sondern müssten ihr Vermögen breiter streuen. Sogar eine positive Seite gewinnt der Wissenschaftler dem Desaster ab. "Die Gier, die im Aktienmarkt drin war, ist weg - und das ist gut."

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