Daimler-Chrysler-Chef in der Kritik
Kein gutes Zeugnis für Jürgen Schrempp

Auf den Daimler-Chrysler-Chef kommen turbulente Zeiten zu. Die Aktionäre fordern am heutigen Mittwoch auf der Hauptversammlung Rechenschaft über Millionenverluste, gekürzte Dividenden und schlechten Aktienkurs. Handelsblatt.com hat untersucht, welche Noten sich Schrempp in den Fächern Strategie, Produkte, Führung, Shareholder Value und Informationspolitik verdient hat.

Strategie: Note 4-
Am Anfang stand die Vision einer Welt AG. Der Zusammenschluss mit Chrysler stand allerdings von Beginn an unter keinem guten Stern. Der Verlustbringer aus den USA zog Daimler nicht nur in finanzielle Abgründe, auch das Image hat gelitten. Der deutsche Wettbewerber aus dem Süden hat Schrempp vorgeführt, dass man falsche Entscheidungen auch korrigieren kann. Problem gibt es zudem bei der US-Nutzfahrzeugtochter Freightliner, der Verlust in 2001: 989 Mill. Euro. Auf dem nordamerikanischen Markt ist Daimler-Chrysler einer Lösung seiner Probleme nicht näher gekommen. Auch das nächste Projekt findet nicht nur Befürworter. Schrempp findet Gefallen an seinem Japan-Engagement und will offenbar langfristig die Mehrheit an Mitsubishi übernehmen.

Produkte: Note 2
Die Produktpalette des Daimler-Chrysler-Konzerns profitiert von der Nobel-Marke Mercedes-Benz. Besonders die E-Klasse ist ein Verkaufs-Schlager und wird dem Unternehmen weiterhin erfreuliche Absatzzahlen bescheren - steht die Mercedes-Mittelklasse doch für mehr als 25 Prozent des Gewinns der Pkw-Sparte. Was für die Prestigemarke Mercedes gilt, können die automobilen Mittelklasse-Marken Chrysler, Jeep und Mitsubishi nicht halten. Dennoch machen sich auch hier langsam Synergie-Effekte bemerkbar. Auf dem Genfer Automobilsalon wurden bereits Chrysler-Modelle vorgestellt, die sich zu großen Teilen aus der Palette der Mercedes-Bauteile bedienen. Eine Koordinierung des Produktportfolios sowie die Bündelung des Einkaufs und die gemeinsame Nutzung neuer Technologien ist das Ziel. Die Wende zeichnet sich also ab.

Führungskompetenz: Note 2
Jürgen Schrempp hat einen Vertrag bis 2005 in der Tasche. Das allein sollte als Ausweis seiner Führungsfähigkeit genügen. Würde ein Aufsichtsrat etwa einen unfähigen Manager beauftragen? Gemessen an seinen eigen Zielen und an den Vorstellungen der Aktionäre ist Jürgen Schrempp zwar gescheitert. Dennoch schenkt man ihm das Vertrauen. Warum? Weil es keinen besseren gibt? Nein, weil Schrempp es verstanden hat, seine eigene Machtbasis im Konzern und im relevanten Umfeld des Unternehmens abzusichern. Er hält die Fäden in der Hand und duldet keinen Widerspruch. Seine von ihm eingesetzten Zuarbeiter in den Konzernteilen haben ihre Bereiche ebenfalls im Griff.
So hat Dieter Zetsche, der im Herbst 2000 als Chrysler-Sanierer nach Detroit entsandt wurde, sein Ziel erreicht. Er hat den bereinigten Betriebsverlust auf 2,2 bis 2,6 Mrd. Euro begrenzt.
Eckard Cordes ist zwar kein typischer Trucker, dennoch verzeichnet auch er Erfolge an der Spitze der Nutzfahrzeugsparte von Daimler-Chrysler.
Der Dritte im Bunde ist Rolf Eckrodt. Seine Aufgabe: Durchgreifen. Als Präsident soll er den angeschlagenen Autobauer Mitsubishi Motors (MMC) wieder flott machen.
Wichtigste Stütze und Garant für den Erfolg auf dem angestammten Terrain ist Merceds-Mann Jürgen Hubbert. Alles bestens organisiert. Nur die Tatsache, das bereits heute kräftig über den Daimler-Chrysler-Chef von morgen diskutiert wird, stört das Bild.

Shareholder Value: Note 4+
Die Stimmung unter den Analysten ist unterschiedlich. Die einen glauben, nun endlich müssten doch alle schlechten Nachrichten auf dem Markt sein. Auf dem derzeitigen Kursniveau der Aktie würden nun die Chancen die Risiken wieder überwiegen. Dafür spreche auch der zu erwartende deutliche Anstieg des operativen Gewinns. Andere Analysten blicken eindeutig negativ in die Zukunft und raten zum Verkauf der Aktie. Bedenklich stimme, dass das Management den Termin für die wirtschaftliche Trendwende weiter nach hinten verschoben habe. Über die Zukunft lässt sich nur spekulieren. Fakten dagegen bringt die jüngste Vergangenheit. Und da steht eine Dividendenkürzung von 2,35 auf 1 Euro. Nicht sehr glücklich sind Aktionäre auch in Sachen Aktienoptionen. In den Genuss dieser Optionen auf 96 Millionen Aktien, die bis 2005 in Tranchen gewährt werden können, kommen 6 500 Führungskräfte. 2000 und 2001 wurden zusammen 33,9 Millionen Optionen verteilt, davon 5,1 Millionen allein an den Vorstand. Die Gemüter erhitzt vor allem der Referenzpreis von 42,90 Euro für dieses Jahr. Und schließlich doch noch ein Blick in die Zukunft, der von einem Risikofaktor getrübt werden könnte: Die milliardenschwere Schadenersatzklage des amerikanischen Milliardärs Kirk Kerkorian gegen den Daimler-Chrysler-Konzern.

Informationspolitik: Note 4
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist in Rage. Grund: Angeblich soll der Konzern mit einer gezielten Informationspolitik versucht haben, den erregten Aktionären noch vor der Hauptversammlung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Einem Magazinbericht zufolge soll für 2002 ein operativer Gewinn ohne Sondereffekte von rund 4 Mrd. Euro in Aussicht gestellt werden. Zuletzt war auf der Bilanz-Pressekonferenz ein bereinigter operativer Gewinn prognostiziert worden, der das Doppelte des Vorjahreswertes von 1,3 Mrd. Euro "sehr deutlich" übertrifft. Auch Spekulationen über lancierte Prognosen über eine hohe Umsatzsteigerung bei Chrysler in den ersten beiden Monaten des Jahres haben für großen Unmut gesorgt.

Im Schnitt bekommt der Daimler-Chrysler-Konzern von der Handelsblatt.com-Redaktion also ein knappes "Befriedigend" als Schulnote. Doch auch Ihre Meinung ist gefragt! Welche Schulnote würden Sie Daimler-Chrysler und dem Konzern-Chef Jürgen Schrempp geben? Stimmen Sie unter www.handelsblatt.com/frage ab.

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