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Daimler offenbar vor größerem Chrysler-Führungsumbau

Die Daimler-Chrysler AG plant bei ihrer US-Tochter Chrysler offenbar umfangreichere Änderungen an der Firmenspitze, die sich nicht nur auf die Ernennung von Nutzfahrzeug-Chef Dieter Zetsche zum Chrysler-Chef beschränken. In Firmenkreisen hieß es am Donnerstag, auch zum Chief Operating Officer (COO) bei Chrysler solle ein Deutscher berufen werden und dort für das Tagesgeschäft verantwortlich sein.

rtr FRANKFURT. Es wird erwartet, dass der Aufsichtsrat des Konzerns am Freitag darüber entscheidet. Die Daimler-Chrysler-Aktie verlor wegen der Probleme bei Chrysler bis zum Nachmittag weiter an Wert, nachdem der Kurs bereits am Mittwoch um vier Prozent gesunken war. Analysten werten die Neubesetzung als Hinweis darauf, dass die Lage bei Chrysler schwieriger als angenommen sei.

Kandidat für den Posten als Chrysler-COO sei Wolfgang Bernhard, der im Moment die Daimler-Tochter leite, hieß es in den Kreisen weiter. AMG ist für sportliche Sondermodelle von Mercedes zuständig. Der 40-jährige Bernhard gilt im Konzern als einer der aussichtsreichen Nachwuchsmanager. Zwischen 1994 und 1998 leitete Bernhard nach Firmenangaben die Produktion des Mercedes-Topmodells S-Klasse und war anschließend für den Serienanlauf des neuen S-Klasse-Modells verantwortlich, das als wichtigstes Prestige-Produkt des Konzerns gilt. Ein Daimler-Chrysler-Sprecher sagte zu der erwarteten Berufung Bernhards, er gebe zu Spekulationen keinen Kommentar ab.

Daimler-Chrysler - Intraday-Chart

In den Firmenkreisen hieß es, durch die Lage bei Chrysler sei es notwendig geworden, nun zu handeln. In den USA würden die anstehenden Entscheidungen sicher bei vielen Leuten Bauchgrimmen verursachen. "Jedoch haben Chrysler-Manager selbst erklärt, sie wüssten niemanden aus ihrem Unternehmen, der an Stelle von Holden die Probleme meistern könnte", hieß es. Zetsche sei für diesen Posten sicher am besten geeignet, da er als Experte für Organisationsprozesse gelte und viel Gespür für zwischenmenschliche Aspekte habe.

Durch die anstehende Berufung Zetsches zum neuen Chrysler - Chef und Bernhards zum Chef des operativen Geschäfts wird Chrysler erstmals seit der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler im November 1998 von Deutschen geleitet. 1999 hatte die Chrysler-Sparte noch die Hälfte zum operativen Gewinn des transatlantischen Konzerns von rund zehn Mrd. Euro beigetragen. Im laufenden Jahr hatte Chrysler durch den zunehmenden Preiswettbewerb in den USA immer stärkere Probleme bekommen, die durch Kosten für Modellwechsel bei zwei wichtigen Modellreihen und hohe Rabatte für auslaufende Modelle noch verschärft wurden. Im dritten Quartal 2000 erwirtschaftete Chrysler einen operativen Verlust von 579 Mill. Euro, jedoch soll die US-Tochter nach früheren Angaben von Daimler-Chrysler im vierten Quartal wieder einen Gewinn erreichen.

Nach Angaben aus Firmenkreisen schwand das Vertrauen in Holden, nachdem sich mehrere Prognosen von ihm im Nachhinein als nicht haltbar herausgestellt hätten. Außerdem habe er im Oktober Konzernchef Schrempp verärgert, als er die Schließung von sieben Werken für eine Woche angekündigt habe, ohne Schrempp zu informieren. Als Nachfolger für Zetsche als Nutzfahrzeugchef ist nach den Angaben aus Firmenkreisen Strategievorstand Eckhard Cordes geplant, dessen Posten wohl nicht neu besetzt werde. Auch zu der offenbar bevorstehenden Ablösung Holdens hatte Daimler-Chrysler eine Stellungnahme abgelehnt.

Der Kurs der Daimler-Chrysler-Aktie gab an der Börse bis zum Donnerstagnachmittag nochmals um knapp zwei Prozent auf 51,58 Euro nach. Zuvor hatte die Investmentbank Goldman Sachs die Aktie zurückgestuft und ihre Gewinnprognosen für den Stuttgarter Konzern gesenkt. Zur Begründung verwies die Bank auf die unsichere Marktsituation des Konzerns in Nordamerika. Als Kursziel für die Daimler-Chrysler-Aktie gab Goldman Sachs nunmehr einen Wert von 50 Euro nach zuvor 75 Euro vor. Am Mittwoch hatte auch die Investmentbank Merrill Lynch ihre Prognosen für Daimler-Chrysler gesenkt. Die Analysten von Merrill Lynch gehen mittlerweile davon aus, dass Chrysler - entgegen den bisherigen Aussagen des Konzerns - auch im vierten Quartal einen Verlust von etwa 100 Mill. Euro erwirtschaften wird.

Rolf Drees von der Fondsgesellschaft Union Investment sagte, symbolische Maßnahmen reichten bei Chrysler nicht aus. "Man muss etwas unternehmen, um Chrysler wieder auf den richtigen Weg zu bringen", sagte er. Merrill-Lynch-Analyst Stephen Reitmann verwies darauf, dass die Struktur von Chrysler bereits relativ schlank sei und umfassende Einsparungen daher schwierig seien. Chrysler sei "ziemlich unbürokratisch, und es ist nicht klar, wo es große Organisationsebenen geben soll, die beseitigt werden könnten". Erste Aufgabe für die neue Führung werde es sein, die Moral bei Chrysler wieder herzustellen.

Die Daimler-Chrysler-Aktie hat im Vergleich zum Frühjahr 1999 fast die Hälfte an Wert verloren. Den bisher tiefsten Wert seit dem Bestehen von Daimler-Chrysler hatte die Aktie am 4. Oktober mit 49,60 Euro verzeichnet. Einige Tage zuvor hatte der Konzern die Verluste von Chrysler im dritten Quartal angekündigt.

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