Daimler übernimmt in USA die Kontrolle
Bei Chrysler ist auch die Moral im Keller

Nicht erst seit der jüngsten Gewinnwarnung hängt der Haussegen schief bei Daimler-Chrysler. Immer mehr Amerikaner bezweifeln, ob Jürgen Schrempps Chefsanierer Dieter Zetsche die Wende zum Guten schaffen wird. Die Altlasten verfehlter Modellpolitik könnten Chrysler Milliarden kosten.

NEW YORK. "So jemand wie Jürgen Schrempp wäre hier in Amerika schon längst gefeuert", sagt Jerry Flint, angesehener US-Autojournalist. Flint gerät in Rage, wenn es um den Daimler-Chrysler-Chef geht. Innerhalb von nur zwei Jahren habe der Deutsche Chrysler ruiniert. Der Kolumnist des Wirtschafts-Magazins Forbes fügt hinzu: "Mich wundert nur, dass noch keiner Strafantrag gegen Schrempp gestellt hat."

Die Wogen gehen hoch in der Chrysler-Zentrale in Auburn Hills seit klar geworden ist, wie groß die Schwierigkeiten sind, in denen der kleinste unter den großen drei Autokonzernen von Detroit steckt. Dass mit Dieter Zetsche jetzt in Detroit der dritte Chef in drei Jahren und zudem ein Deutscher regiert, das fügt sich für verärgerte Amerikaner ins Bild. Schließlich hat Daimler-Chef Schrempp eben erst gestanden, dass er es bei der Fusion im Jahr 1998 niemals ernst gemeint hatte, als er von einer "Partnerschaft unter Gleichen" sprach. Damit scheinen die Chrysler-Zahlen jetzt nur Vorurteile zu bestätigen: Dass bei der Fusion mit vielen falschen Versprechungen gearbeitet worden ist.

Unwiederbringlicher Schaden

Die Frage ist nur, ob Chrysler auch ohne die Deutschen in solche Schwierigkeiten geraten wäre. "In Detroit haben alle drei Konzerne ihre Modellwechsel zu spät eingeleitet", sagt David Littman von der Comerica-Bank. Bei Chrylser hätten jedoch die nach einer Fusion üblichen Querelen zusätzlich behindert. Die Ratingagenturen Standard&Poors (S&P) und Moody's haben die als erstklassig eingestufte Kreditwürdigkeit des Konzerns unter Beobachtung gestellt. "Der Exodus talentierter Manager und die gesunkene Moral erhöhen das Risiko, dass die Ergebnisentwicklung weit unter dem früheren hohen Niveau bleibt", heißt es bei S&P. Tatsächlich haben sich die Personal-Verluste auch auf die mittleren Management-Ebenen ausgeweitet. "Die Stuttgarter haben mir bei jeder Entscheidung dazwischengefunkt. Da bin ich zur Konkurrenz", sagt ein Ex-Manager. Autoanalyst David Garrity von der Investmentbank Dresdner Kleinwort Benson glaubt, so sei unwiederbringlicher Schaden entstanden.

Dass an den Bändern von Chrysler schlechte Stimmung eingekehrt ist, versteht sich fast von selbst. Denn die gewinn-abhängigen Sonderzahlungen machen in guten Jahren etwa 7 000 Dollar aus, erläutert Frank Joyce von der Auto-Gewerkschaft UAW. Die Zahlen geben den Mitarbeitern jedoch wenig Grund zur Hoffnung. Als Besorgnis erregend gelten in der Branche vor allem riesige Bestände von Gebrauchtwagen aus dem Leasing-Geschäft. Um Neuwagen-Halden abzubauen, hatte Chrysler Autos zu extrem günstigen Konditionen verleast. Nun, da sich die Konjunktur abgekühlt hat, dürften die zurückkommenden Gebrauchten weit weniger wert sein als verbucht. "Da steht ein Posten von fünf Milliarden Dollar herum", sagt Analyst Garrity.

"Das hier wird für Schrempp so etwas wie Rover für BMW"

Dennoch wird Dieter Zetsche, neuer Herr im Haus Chrysler, nicht mit offenen Armen empfangen. Zwar weiß man in der Branche, dass Zetsche schon einmal in USA erfolgreich war: Bei Daimlers LKW-Tochter Freightliner. Doch viele in Detroit sind skeptisch, ob ein Deutscher die richtige Erfahrung mitbringt. "Es ist ein Unterschied, ob Sie den Mercedes an einen Millionär verkaufen oder den Chrysler an einen Angestellten", gibt Chrysler-Händler Tom Szott in Detroit zu Bedenken. Auf Szotts Hof stehen vor allem die jüngst herausgebrachten Modelle. "Ein neuer Minivan kostet geleast 600 Dollar im Monat. Das Vorgängermodell least man für 350 Dollar. Da warten die Kunden, bis auch die Neuen billiger werden." Schon jetzt, so Szott, laufe das Neuwagengeschäft ohne Rabatte nicht mehr.

Auch das erklärt die Chrysler-Verluste. Die Kapitalmärkte haben ihr Urteil zur transatlantischen Fusion längst gefällt. Seit Jahresanfang hat der Kurs der Daimler-Chrysler Aktie etwa 45% abgegeben. "Der Wert des gesamten Chrysler-Konzerns ist kapitalmarkt-technisch vernichtet", stellt Forbes-Kolumnist Flint fest. Grund zur Hoffnung sieht Flint nicht: "Das hier wird für Schrempp so etwas wie Rover für BMW".

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