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DaimlerChrysler muss Mercedes in die Spur bringen

vwd STUTTGART. Bei der DaimlerChrysler AG ist die Welt aus den Fugen geraten: Die Vorzeigesparte Mercedes Car Group (MCG) mutierte 2004 zum Problemfall, der schwer auf dem Konzerngewinn lastet und das Markenimage von Mercedes-Benz gefährdet. Der neue MCG-Verantwortliche Eckhard Cordes muss 2005 nicht nur die Markteinführung wichtiger Modelle reibungslos bewältigen, er muss auch die Qualitätsprobleme bei Mercedes in den Griff bekommen und smart auf Gewinnkurs bringen. Wenn Cordes die Sache richtig anpackt, sehen Analysten 2005 wieder Kurspotenzial für die Aktie.

Der Schock saß tief, als im dritten Quartal die Mercedes Car Group mit den Marken Mercedes-Benz, Maybach und smart einen Gewinneinbruch von 62 Prozent auf 304 (Vj 793) Mio Euro bekannt gab und ankündigte, der operative Gewinn werde 2004 wesentlich unter den 3,1 Mrd Euro des Vorjahres liegen. Damit wurde offenkundig, was Wolfgang Bernhard als designierter Nachfolger des damaligen MCG-Verantwortlichen Jürgen Hubbert im Frühjahr gemeint hatte, als er die Sparte einen Sanierungsfall nannte. Bernhard stürzte über diese Aussage, nun soll es der als besonnen geltende Analytiker Cordes richten.

Nach Ansicht vieler Experten muss die Mercedes-Organisation von Grund auf effizienter werden. Mit einer durchschnittlichen operativen Marge von 6,2 Prozent in den vergangenen vier Jahren liege Mercedes nicht nur hinter BMW, sondern auch hinter den besten japanischen Volumenherstellern, argumentiert Goldman Sachs. Bisher hätten Hedging-Gewinne die Kostenprobleme verdeckt, nun müssen nach Ansicht der Analysten Produkte und Komponenten vereinheitlicht, Größeneffekte mehr genutzt, Produktionsprozesse flexibler gestaltet und der aus dem Ruder gelaufene Managementaufwand reduziert werden.

Eine ähnliche Herkulesaufgabe hat Cordes mit der Sanierung der Nutzfahrzeugsparte bewältigt. Dabei sorgten hohe Verluste für den Veränderungswillen in der Organisation. MCG hingegen schreibt Gewinne. Somit stellt sich die Frage, ob Cordes im vierten Quartal alle Bewertungsspielräume nutzt, um mit einer dramatischen Darstellung der Situation in der Sparte Druck aufzubauen und sich für Erfolge Luft zu verschaffen.

"Angesichts dieser Ausgangslage haben die zahlreichen Neuanläufe von Mercedes im kommenden Jahr oberste Priorität. Sie müssen funktionieren", betont Marktanalyst Philipp Rosengarten vom Prognoseinstitut Global Insight. Mercedes will im Frühjahr die neue M-Klasse und im Herbst die S-Klasse auf den Markt bringen. Außerdem soll mit B- und R-Klasse das neue Fahrzeugsegment "Sports Tourer" etabliert werden. Spätestens im zweiten Halbjahr will Mercedes den absehbar Rückläufigen Absatz stoppen und wieder die mittelfristig anvisierte Marke von 1,5 Mio verkauften Pkw anpeilen.

Im Ertrag von MCG werde der volle Effekt allerdings erst nach dem Hochlaufen der neuen Modelle 2006 sichtbar, räumte Cordes vor kurzem ein. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) rechnet 2005 mit einem Rückgang des operating Profit von MCG auf 1,7 Mrd Euro. Allein die Behebung von Qualitätsmängeln dürfte laut LBBW-Analyst Stephan Droxner das Ergebnis der Sparte mit einem Betrag im mittleren dreistelligen Mio-Bereich belasten und erst ab 2006 allmählich nachlassen.

"Um wieder Kurspotenzial zu haben, muss der Konzern überzeugende Lösungen zur Kostensenkung vorlegen - und das Problem mit smart lösen," legt Droxner den Finger in eine weitere Wunde, die ebenfalls Cordes zu verarzten hat. Nach Berechnungen von Analysten hat der Kleinwagenhersteller seit 1998 rund 2 Mrd Euro an Verlusten angehäuft und könnte den operativen Gewinn von MCG im laufenden Jahr mit bis zu 400 Mio Euro belasten.

Analysten bezweifeln den Erfolg der Strategie, mit Hilfe einer Volumensteigerung bei smart schwarze Zahlen zu erreichen. "Wir halten es für extrem schwierig, smart zur Rentabilität zu führen, die nicht nur in die Nähe des Break-even kommt, sondern auch die Kapitalkosten erwirtschaftet", so HVB-Analyst Georg Stürzer.

Auf Konzernebene dürften die Schwierigkeiten bei MCG durch bessere Ergebnisse der anderen Sparten kompensiert werden. Für 2004 veranschlagen die drei Researchabteilungen einen Anstieg des operating Profit auf rund 6,4 (5,7) Mrd Euro, 2005 könnte es nach Ansicht von HVB und LBBW etwas mehr werden. So scheinen die einstigen Verlustbringer Chrysler und die Nutzfahrzeuge wieder in der Erfolgsspur zu fahren. Die Sparte Services liefert stabile Gewinne, teure Abenteuer wie bei Mitsubishi wurden beendet.

Nach den schlechten Nachrichten der jüngsten Zeit raten die Analysten von HVB und Goldman Sachs zum Einstieg in die Aktie des Automobilherstellers. Beide Häuser haben die Titel auf "Outperform" gestuft und ein Kursziel von 37 bzw 40 Euro veranschlagt. Sie wetten darauf, dass sich Mercedes zum Positiven verändert, und sehen das Rückschlagspotenzial als begrenzt an.

Auch Analyst Droxner von der LBBW hält die Aktie bei rund 36 Euro schon wegen der voraussichtlichen Dividendenrendite von 4,5 Prozent nach unten abgesichert. Allerdings befürchtet er für das erste Halbjahr weitere Rückschläge bei Mercedes und möglicherweise auch Chrysler.

Welche Richtung die Aktie nimmt, dürfte bereits Anfang Januar sichtbar werden. Dann wird Cordes auf der Automobilausstellung in Detroit erklären, wie er Mercedes in die Spur bringen will. Intern gibt sich der Manager zuversichtlich und prophezeit der Sparte eine "exzellente Perspektive". Dass dies auch eintrifft - dafür kann der neue Mercedes-Verantwortliche im kommenden Jahr den Grundstein legen.

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