Daimlers Informationspolitik
Kommentar: Auf Nebelfahrt

In den vergangenen Wochen hat Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp mit seiner nebulösen Informationspolitik viel Vertrauen bei den Aktionären verspielt.

DÜSSELDORF. Seine Entscheidung, die Ergebnisprognose für 2002 fast zu halbieren und dabei so vage zu halten, dass sie nicht verfehlt werden kann, hat zu großer Unsicherheit bei den Anlegern geführt. Bis jetzt wissen sie nicht, wie gut Daimler in diesem Jahr arbeiten wird oder ob womöglich in einer der Sparten neue Probleme versteckt sein könnten - kein Anreiz für Investoren, sich das Daimler-Papier ins Depot zu legen.

Die Reaktion auf diese Art von Öffentlichkeitsarbeit kam prompt. Viele Anleger haben sich seit der verkappten Gewinnwarnung von ihrem Daimler-Engagement getrennt. Die Aktie verlor seit Anfang Februar 15 Prozent an Wert. Dabei hat Daimler-Chrysler seit der Fusion im Jahr 1998 den Eigentümern des Unternehmens bereits schon viel zugemutet. Die Aktie hat seither mehr als 40 Prozent an Wert verloren.

Ausgerechnet der größte deutsche Industriekonzern, der sich die teuersten Kommunikationsberater leisten kann, begeht solche Fehler immer wieder. Anleger schätzen eine kontinuierliche und berechenbare Öffentlichkeitsarbeit - bei Daimler jedoch geht es munter vor und wieder zurück. Seit jeher prognostizieren deutsche Autokonzerne eher zurückhaltend, was den Vorteil hat, dass die Ergebnisziele kaum verfehlt werden können. Ihre Informationspolitik ist zwar gradlinig, sie bieten allerdings den immer mehr Offenheit fordernden Investoren zu wenig Einblick.

Vor einem Jahr machte Schrempp daher einen Anlauf zu einer transparenteren Kommunikation. Nicht zuletzt deswegen, weil er bei den Anlegern nach der überraschenden Krise bei Chrysler und der Nutzfahrzeugtochter Freightliner besonders viel gut zu machen hatte. Mutig nannte er für dieses und nächstes Jahr konkrete Ergebnisziele. Die Anleger haben ihm wieder vertraut. Nachdem die damals hoch gehängte Messlatte aber verfehlt wird, übt Schrempp nun die Kehrtwende. Vorbei sind die Zeiten, in denen Erwartungen für Umsatz und Operating Profit offen kommuniziert werden. Schrempp zieht sich wieder zurück und speist die Anleger mit Prognosen zum Jahresergebnis wie "sehr deutlich mehr als das Doppelte des Vorjahresgewinns" ab. Die Konsequenz: Daimler-Chrysler darf jetzt bei der Vertrauensbildung erst einmal wieder bei Null anfangen. Es wird ein schwieriger Prozess werden.

Kein Wunder, dass bei dieser Informationspolitik Schrempp die Aktionäre bisher auch nicht von der Welt AG überzeugen konnte. Auch hier mutet er den Anlegern - und den Mitarbeitern -- viel zu. Bis nämlich der Konzern auf den Kontinenten Amerika, Europa und Asien gleichstark verankert ist, wird viel Zeit vergehen. Die Zukäufe von Chrysler und der Beteiligung an dem Japaner Mitsubishi Motors müssen aufwendig mit der Perle Mercedes-Benz Pkw vernetzt werden. Hier ist noch viel Arbeit zu leisten. In zehn Jahren etwa wird das komplette Produktprogramm der Welt AG stehen. Erst dann lässt sich wirklich beurteilen, ob sich dieser große Aufwand auch im Ertrag widerspiegelt. Für Anleger ist das ein fast unzumutbarer langer Zeithorizont. Die Börse jedenfalls hat Daimler für diese Strategie nur abgestraft.

In diesem Jahr wird die Geduld der Aktionäre erneut auf eine harte Probe gestellt. Schrempp und seinen Vorstandskollegen befinden sich auf Nebelfahrt. Sie können auf Grund der schwierigen Konjunktur nur auf Sicht fahren, da bei allen Konzernsparten hinter der nächsten Kurve neue Hindernisse liegen können.

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