Daniel Vasella im Interview
„Die Unternehmen gehen in den Bunker“

Novartis-Chef Daniel Vasella über die Krise der Branche und den Sinn von Fusionen.

Herr Vasella, jetzt hat es auch die Pharmakonzerne erwischt. Sinkende Margen und fallende Aktienkurse setzen Ihre Branche unter Druck. Sind die goldenen Zeiten vorbei?

Von der Nachfrage her sind die Aussichten weiterhin sehr positiv: Die demografische Entwicklung führt zu einer Überalterung der Gesellschaft. Ab dem 45. Lebensjahr steigt der Konsum an Medikamenten und die Nachfrage nach medizinischen Leistungen exponenziell an. Dennoch wird sich der Pharmamarkt nicht mehr ganz so dynamisch entwickeln. Statt elf Prozent weltweites Wachstum sind in den nächsten Jahren noch circa acht Prozent realistisch.

Wieso lässt das Wachstum nach?

Überall wird der Ruf nach Kosteneinsparungen laut. Weil es politisch sehr schwierig ist, Einsparungen bei Krankenhäusern und Arzten durchzusetzen, spart man bei den Medikamenten. Wir sind und bleiben einem massiven Preisdruck ausgesetzt - nicht etwa als die größten Verursacher, sondern als die am leichtesten anzugreifenden "Opfer".

Uns kommen die Tränen.

Parallel zum Preisdruck müssen die Pharmahersteller damit klarkommen, dass die Kosten für Forschung und Entwicklung sowie für Marketing zunehmen. Folglich steigt der Druck auf unsere Margen.

Und das in einer Situation, wo so viele Pharmapatente wie nie zuvor auslaufen. Ihr Unternehmen Novartis ist dagegen kaum vom Ablauf der Schutzfristen betroffen. Hat die Konkurrenz etwas falsch gemacht?

Sie können Patentabläufe voraussehen. Sie können aber nicht wissen, welche und wie viele Medikamente aus ihrer Forschungsabteilung erfolgreich alle Zulassungshürden schaffen. Das ist das Risiko unserer Branche, dass Ihnen sogar noch in der letzten klinischen Phase ein Projekt wegfallen kann.

Und die US-Gesundheitsbehörde FDA lässt pro Jahr weniger Medikamente als früher zu, die Prüfungen dauern länger.

Statistisch gesehen hat die Prüfungszeit zugenommen. Es gibt aber große Unterschiede. Je höher aus Sicht der FDA die Innovationskraft eines Präparates und das medizinische Bedürfnis ist, desto eher und früher erteilt sie die Zulassung. Bei einer tödlichen Krankheit etwa, wo ein neues Medikament eine Heilungschance verspricht, arbeitet die Behörde mit Hochdruck. Bei anderen Krankheiten, wo der Patient zwar leidet, aber nicht stirbt, dauert es länger. Wir haben damit auch unsere Erfahrungen gemacht: Glivec, unser Mittel gegen Leukämie, wurde in Rekordzeit von nur zweieinhalb Monaten zugelassen. Bei Zelnorm, einem Medikament gegen Reizdarm, warten wir nach zwei Jahren noch immer auf die FDA-Zulassung.

Preisdruck, Patentabläufe, hohe Forschungs- und Entwicklungskosten, weniger Neuentwicklungen - wie reagiert die Branche auf all diese Herausforderungen?

Der Konkurrenzdruck nimmt massiv zu. Die Unternehmen müssen sehr viel intensiver um Marktanteile kämpfen. Es wird zu mehr Zusammenschlüssen kommen.

Erwarten Sie in diesem Jahr noch einen größeren Deal?

Rational betrachtet, müssten sich Unternehmen jetzt zusammenschließen. Doch die Psychologie des Marktes steht dagegen. Immer wenn sich die Aktienkurse nach unten entwickeln, gibt es weniger Fusionen und Übernahmen. Das ist zwar widersinnig, aber es ist so. In schlechten Zeiten gehen viele Unternehmen lieber in den Bunker...

...zumal der Erfolg einer Fusion fraglich ist.

Ich habe ja nun Erfahrung mit einer Großfusion - dem Zusammenschluss von Ciba und Sandoz zu Novartis. Diese Fusion ist gut gelungen und hat uns in eine sonst unerreichbare Position katapultiert. Aber ich habe mich schon öfters gewundert, warum der Fusionsprozess so schwierig ist. Es braucht einfach Zeit.

Als Novartis vor sechs Jahren entstand, waren Sie die weltweite Nummer zwei der Branche.

Und jetzt sind wir im Gesundheitsgeschäft auf Platz sechs zurückgefallen, da mehrere Konkurrenten ebenfalls nach uns fusionierten. Wie reagieren wir darauf? Schauen Sie sich doch Nestlé an. Die ist ursprünglich aus vier Firmen entstanden; heute ist sie der weltweit führende Nahrungsmittelkonzern. Wäre es denn nicht positiv für die Schweiz, wenn dieses Land eine "Pharma-Nestlé" hätte? Ich denke schon.

Ist es denn ein Vorteil, wenn sich zwei Unternehmen aus dem gleichen Land zusammenschließen?

Es ist einfacher, wenn sich die Unternehmen am gleichen Ort befinden. Es ist einfacher, wenn Sie zwei Führungspersönlichkeiten haben, die sich altersmäßig ergänzen, und wenn die Kulturen ähnlich sind.

Das hört sich, bis auf den letzten Punkt, wie ein Plädoyer für den Zusammenschluss zwischen Novartis und Roche an.

Roche und Novartis wären zweifelsohne gemeinsam eine tolle Firma. Da gibt es viele Synergien, wir hätten eine hohe Marketing- und Vertriebspower. Wir würden unsere Stellung in den USA deutlich verbessern. Unsere Produkte würden sich ergänzen: Wir sind bei Herz-Kreislauf-Medikamenten stärker; Roche bei Krebsmitteln. Und auch bei den rezeptfreien Medikamenten wären wir gut aufgestellt. Aber Herr Humer, der Konzernchef von Roche, hat ja leider erklärt, dass er einen solchen Zusammenschluss der Kräfte nicht begrüßt.

Gibt es nicht wenigstens Gespräche?

Nein. Die Aussagen von Herrn Humer sind klar. Und zur Familie, die ja bei Roche die Stimmenmehrheit hält, haben wir keinen Kontakt.

Novartis hat im Mai vergangenen Jahres 21,3 Prozent der Roche-Aktien gekauft. Haben Sie inzwischen Ihre Anteile erhöht, um mehr Druck ausüben zu können?

Wir sind in der Vergangenheit immer wieder danach gefragt worden, und haben gesagt, dass unser Roche-Anteil konstant geblieben ist. Inzwischen kommentieren wir das nicht mehr.

Sie haben also aufgestockt...

...vielleicht auch reduziert. In schwierigen Zeiten könnte man sich ja auch von Anteilen trennen.

Wie lange wollen Sie die Roche-Aktien denn noch halten? Wann verlieren Sie die Geduld?

Wir denken da in Jahren.

Was würde eigentlich passieren, wenn Roche den Zusammenschluss mit einem anderen Pharmakonzern sucht?

Das würde ich als feindseligen Akt betrachten. Wir behalten uns dann vor, entsprechend zu reagieren.

Hat Novartis nicht auch noch andere Interessen? Sie sollen - wie einige andere Konzerne auch - Bristol-Myers Squibb im Visier haben.

Also, ich wäre nicht überrascht, wenn bei Bristol-Myers Squibb gar nichts passiert.

Immerhin ist das ein US-Unternehmen, am wichtigsten Pharmamarkt der Welt zu Hause.

Ist das ein Vorteil? Der US-Markt wird nicht mehr so stark wachsen wie früher. Was jahrelang ein Vorteil war, wird jetzt vielleicht zum Nachteil. Ich kaufe mir doch auch keinen Anzug, nur weil er billig ist. Er muss vor allem gut sitzen. Wenn er nicht passt, dann sind Sie immer unglücklich.

Geld ist ja bei Ihnen nicht das Problem; 22 Milliarden Schweizer Franken sind als verfügbare Mittel in Ihrer Bilanz ausgewiesen.

Was wir sicher anschauen müssen, sind Biotechnologiefirmen. Es gibt da einige Unternehmen mit einer interessanten Pipeline. Da könnte ich mir Zukäufe gut vorstellen, wenn die Aktienmärkte weiter so schwach bleiben.

Quelle: WirtschaftsWoche

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