Danke, passt schon
Martin Schmitt lässt Saison und Verträge ausklingen

Es ist angerichtet fürs wirklich bunte Potpourri. Pappkameraden, Marke "Lächelnder Martin Schmitt mit Skiern". Ein wuchtiges Fahrzeug, tauglich auch für den Wüsteneinsatz. Notebooks, hip und schick und überhaupt.

HB HANNOVER. Eine groß gewachsene Hostess, gewandet in verdammt enge Textilien. Eine etwa 15-Jährige, geschmückt durch ein etwas weiter geschnittenes Shirt mit "Praline"-Schriftzug. Ja, und natürlich Martin Schmitt. Der echte, frei von Bartstoppeln, der fast so lächelt wie seine Brüder aus Pappe.

Cebit diese Woche, Autogrammstunde beim österreichischen Notebook-Billiganbieter und Schmitt-Sponsor Gericom. Der präsentiert den Skisprungstar via Austria-Blondine am Moderatoren-Mikro. Eine bemerkenswerte Frau, die ungefähr so ungelenk und gut gelaunt daherkommt wie ein Flachland-Piefke nach einem Skiunfall mit Bänderdehnung und Rippenprellung auf den Pisten von - sagen wir mal - Ischgl.

"Ein bisschen wie Zirkus", bemerkt ein braun gebrannter Mann am Rande der diffusen Szenerie zwischen den Ständen von all den ach so zukunftsträchtigen High-Tech-Anbietern, die den Messebesuchern vor nicht allzu langer Zeit noch einigermaßen Sinnvolles in die großen Tüten packten. Diesmal sind die Tüten immer noch groß, doch drin steckt nur noch Schmu. Nur gut, dass Gericom die Original-Unterschriften von Herrn Schmitt im Angebot hat. Der Typ, der die Veranstaltung spontan als "Zirkus" bezeichnet hat, heißt übrigens Hubert Schiffmann und ist bei der Liechtensteiner Agentur WWP für den Skispringer Schmitt verantwortlich. Später betont er noch einmal, dass er mit der negativ belegten Bezeichnung keine Wertung vornehmen, sondern nur den Trubel beschreiben wollte.

Passt schon, würde man bei den Österreichern sagen. Den Gericom-Herren und-Damen war es in Hannover jedenfalls eine Freude, wie locker und umgänglich der Werbepartner mit den Schriftzug-Interessenten umging. Was heutzutage trotz üppiger Honorierung schließlich keine Selbstverständlichkeit mehr sei, wie Schiffmann erläutert: "Martin macht das schon gerne für die Sponsoren. Er sitzt nicht grimmig da, spricht mit den Leuten und schaut sie sogar an."

Tatsächlich. Der 24-Jährige mit den wie immer etwas unkontrollierten Haaren sitzt im hellblauen Pullover und grauer Stoffhose auf dem Stuhl, schreibt für die wie immer junge Kundschaft fleißig "M. Schmitt" auf die Karten, lächelt wie immer freundlich in die Billig-Kameras und ist wie immer eine moderne Lausbub-Ausgabe mit einem Hang zur Ehrlichkeit. "Bis zu einem gewissen Punkt", sagt Schmitt im Handelsblatt-Gespräch, "macht das Spaß. Auch wenn es sehr monoton ist." Dazu muss man wissen, dass der Skispringer eigentlich keine Autogrammstunden gibt und überhaupt nur selten für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung steht: "Wenn früher zwei Journalisten im Auslauf standen, konnte man sich intensiv mit denen unterhalten. Wenn jetzt 50 oder mehr da sind, kann ich nicht mehr jeden ins Hotel einladen, mit ihnen Kaffee trinken und Exklusiv-Interviews geben."

Die rasante Entwicklung der Sportart Skispringen ging ihm freilich keineswegs zu schnell vonstatten. Das Ganze sei gewissermaßen "wie am Neuen Markt". Der habe zwar eine harte Landung hinnehmen müssen, doch einige hätten ihre Schäfchen ins Trockene gebracht. Schmitt gehört dazu. Vielleicht nicht so sehr an der Börse, in der Branche der fliegenden Hannis, Duffis, Potters und natürlich Martins dagegen umso mehr. Er verdient gut dank seiner Erfolge, Kraft Foods (Milka) und Gericom. Irgendwo so um die Million Euro sollten in dieser Saison, die am Wochenende in Planica endet, mindestens zusammengekommen sein. Passt schon.

Ob Schmitt auch im nächsten Winter noch Milka-Schokolade verspeist und Gericom-Laptops benutzt, ist noch nicht sicher. Beide Verträge laufen aus, noch gibt es keine Vollzugsmeldung für eine Verlängerung. Laut Schiffmann gibt es, so sagt man halt, "aussichtsreiche Gespräche". Dass da ein gewisser Sven Hannawald auf Grund seiner Erfolgsserie nicht nur die Teenie-Invasion umgeleitet, sondern auch die Verhandlungssituation des Martin Schmitt verschlechtert haben könnte, mag der Vermarkter so nicht erkennen. "Die Mediennachfragen sind nicht geringer ausgefallen", sagt er trotzig, um dann doch noch eine kleine demoskopische Niederlage einzugestehen: "Beim Bekanntheitsgrad liegt der Sven erstmals leicht vor Martin."

Zugleich sei die vergangene Saison, in der es nicht wunschgemäß lief für den Klienten Schmitt, ungemein wichtig für den Springer gewesen. In der Stunde der einen oder anderen bitteren Niederlage, so Schiffmann, habe sich der Vertragspartner bestens verkauft. "Da zeigt sich, wer wirklich ein großer Sportler ist", lobt der WWP-Mitarbeiter. Und auch Bundestrainer Reinhard Heß stellte unlängst klar, dass Martin Schmitt im Prinzip immer noch die Nummer eins im Team sei. "Natürlich freut mich eine solche Aussage", bestätigt der solchermaßen Herausgehobene und macht dann doch klar, dass ihm eine Saison mit weniger negativen Erfahrungen lieber gewesen wäre.

"Weil Sven so erfolgreich war, bin ich wohl von einigen Schlagzeilen verschont geblieben", ahnt Schmitt, dass der sportliche Führungswechsel auch Vorteile mit sich brachte. Es war Hannawald, für den RTL eine Frau suchte. Den der Privatsender in allen möglichen Varianten und Sendungen vorführte wie einen neuen Messias der Schanze. Alles, was zuvor mit Schmitt passiert war, potenzierte sich nach den Hannawaldschen Triumphen bei der Vierschanzentournee. Die Fernsehleute schwenkten fix um, als aus dem groß angekündigten Duell Schmitt - Malysz die Soloshow eines anderen wurde. Flexibel sind sie ja, die Kölner. "Wäre ja schön gewesen mit dem Zweikampf gegen Malysz", grinst Schmitt und grinst noch mehr, als er von Gerüchten im Team erzählt. "Unsere Recherchen haben ergeben", deutet er an - Bild-Journalisten und Bunte-Leser sollten jetzt aufmerksam die Ohren spitzen - "dass Sven bei der Suche nach einer Frau fündig geworden ist." Hoppla, wenn das keine gute Nachricht ist. Auf Nachfrage stellt sich allerdings heraus, dass keine der RTL-Kandidatinnen, sondern eine externe Bewerberin den Zuschlag erhalten haben soll.

Schmitt wartet unterdessen selbst noch auf den großen amourösen Schlag und in der nächsten Saison auf die Rückkehr an die absolute Spitze in einer Sportart, die "nicht hochgradig durch Doping gefährdet sein dürfte", "nicht so steril wie Fußball oder Formel 1 rüberkommt" und "dennoch nicht mehr so familiär ist wie früher".

Die auf Schmitt-Autogramme erpichten Teenies auf der Cebit suchten eh nicht nach Familiärem. Die drei jugendlichen Scherzbolde, die mit frechem "Hanni, Hanni"-Sprechchor den guten Schmitt piesacken wollten, schon gar nicht. Ihnen und den meisten anderen Augenzeugen reichte ein bisschen "Martin gucken", ein bisschen "Sieht er in echt genauso aus wie im Fernsehen?". Oder, aus Sicht der weiblichen Fans: "Ist er genauso süß wie Milka-Schokolade?"

All jene, die auf diese wirklich wichtige Frage keine Antwort und nicht einmal ein Original-Autogramm bekommen hatten, sollten nicht leer ausgehen. "Wer noch unbedingt ein gedrucktes haben möchte", so moderierte die Austria-Blondine geschmeidig, könne sich bei den Hostess-Kolleginnen eines abholen.

Danke, passt schon.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%