„Dann denkst du, dir platzt der Kopf, du hast Bauchkrämpfe, du willst aufhören“
Leben mit dem Schmerz

Lagenschwimmerin Nicole Hetzer quält sich bei den Deutschen Meisterschaften für ihre Erfolge. Und das verwundert nicht, gelten Lagenschwimmer doch als die "Zehnkämpfer des Schwimmens", denn das Training ist unheimlich hart.

BERLIN. Nicole Hetzer zieht sich mühsam aus dem Wasser. Sie bleibt einen Moment am Beckenrand sitzen, als reichte die Kraft nicht zum Aufstehen. Aber "so schlimm war es diesmal nicht." Sie meint die Schmerzen. Sie ist gerade nur einen Vorlauf geschwommen bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin, über 200 m Lagen. Wenn es um Titel geht, ist es schlimmer. Dann flucht die 25-Jährige innerlich, solange sie die Kraft dazu hat. Für den Sieg hat es gestern nicht gereicht, Hetzer wurde Dritte und war mehr als vier Sekunden langsamer als Teresa Rohmann, die in 2:12,05 Minuten eine neue Jahresweltbestzeit schwamm.

Lagenschwimmen ist vor allem ein Kampf gegen Schmerzen. "Das Training ist mörderisch hart, besonders für 400 m Lagen", sagt Horst Melzer, Trainer aus Essen. Lagenschwimmer sind die "Zehnkämpfer des Schwimmens", sagt Bundestrainer Manfred Thiesmann. Ein Lagenschwimmer muss alles können, Schmetterling, Rücken, Brust, Freistil. Und er muss eine extreme Kondition haben, um Zeitverluste beim Wechsel der Stilart zu minimieren.

Deshalb trainiert Nicole Hetzer teilweise sieben Stunden am Tag, 60 Kilometer pro Woche. Deshalb wurde sie aber auch 2002 EM-Dritte und 2001 Kurzbahn-Europameisterin über 400 m. In Berlin siegte sie über 400 m Lagen. "Ich steige eine halbe Stunde vor den Sprintern ins Wasser und eine Stunde später als die wieder raus", erzählt sie von ihrem Training. Dazwischen liegen "Horrorserien", acht mal 400 m Lagen etwa. "Dann denkst du, dir platzt der Kopf, du hast Bauchkrämpfe, du willst aufhören."

Aber diese Quälerei ist Pflicht. "Die Schmerzen kommen im Rennen auf jeden Fall. Du musst lernen, mit ihnen zu leben", sagt die 25-Jährige vom SV Wacker Burghausen. Denn ab diesem Punkt kristallisieren sich die Topschwimmer heraus. Ein Athlet muss ja bis zum Zielanschlag technisch sauber schwimmen. Eine bewusste Steuerung der Arme und Beine ist bei starken Schmerzen meist nicht mehr möglich, also müssen die optimalen Bewegungen automatisch abgerufen werden können, quasi wie ein Computerprogramm. Diesen Automatismus müssen die Athleten mit ständigem Ausreizen der Schmerzgrenze trainieren. Im WM-Finale über 400 m Lagen von 2003 hatte Hetzer "schon nach 80 m Schmetterling höllische Schmerzen." Sie überwand sie - und wurde Fünfte.

Nur: Was reizt an dieser Quälerei? Der Wechsel zu einer Spezialdisziplin wäre doch eine Erlösung. "Nicht für mich", sagt Hetzer. "Ich bin in keiner Disziplin auf Topniveau. Und mir gibt der Erfolg Befriedigung, da vergisst man die Quälerei." Lagenschwimmer sind oft Athleten, die in Spezialdisziplinen nicht absolute Weltklasse sind. Sie haben nur die Wahl: Knochenmühle oder Mittelmaß.

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