Darmstädter Ökonom ist wichtigster Wirtschaftsberater des Bundeskanzlers
Bert Rürup: „Pragmatiker ja, gnadenlos nein“

Seine Studenten lieben ihn, die Medien auch - Bert Rürup ist einer der bekanntesten Ökonomen des Landes. Dabei hatte der Wirtschaftsweise in jungen Jahren ganz andere Karrierepläne.

HB DARMSTADT. Ehrgeizig, das war der Mann von Anfang an. Eisern arbeitete Bert Rürup nach dem Abitur an seiner Karriere - als Spitzensportler. Der talentierte Kugelstoßer brachte es in den Auswahlkader des Leichtathletik-Verbandes und fieberte Europa-Meisterschaften und Olympiaden entgegen. "Ich wollte aufs Treppchen", erinnert er sich heute. Doch der Traum zerplatzte jäh - nach einer Sportverletzung musste sich Rürup mit 23 Jahren vom Leistungssport verabschieden. "Wenn ich Eröffnungsfeiern von Olympiaden im Fernsehen gesehen habe, habe ich eine Zeit lang immer einen dicken Hals bekommen."

Rürup verarbeitet dieses Trauma auf seine Weise: Er nimmt 30 Kilo ab und kanalisiert all seine Energie fortan in die Wirtschaftswissenschaft. Mit nur 31 Jahren bringt er es 1975 zum Professor. Später arbeitet er sich vom geld- und finanzpolitischen Berater des Präsidenten von Kasachstan zum deutschen Wirtschaftsweisen hoch. Und schon bevor Kanzler Gerhard Schröder ihn jüngst persönlich bei der Reform der Sozialsysteme zur Hilfe rief, war der Finanzwissenschaftler der wichtigste sozialpolitische Berater der Bundesregierung.

Seinem fundierten Detailwissen hat er diese Karriere zu verdanken und seiner fast heiligen Arbeitswut - vor allem aber seiner undogmatischen Art. Rürup ist keiner dieser Ökonomen, die Politiker mit ordnungspolitischen Tiraden nerven. Sein Credo: "Große Reformen kommen nie auf einen Schlag zu Stande, sondern in Schritten." Hauptsache, die Richtung stimme. Das hat ihm den Ruf des gnadenlosen Pragmatikers beschert. "Pragmatiker ja", sagt er selbst, "gnadenlos nein."

Manchem wissenschaftlichen Kollegen, das weiß auch Rürup, stößt diese Hemdsärmeligkeit bitter auf. In Sachen Theorie sei er eher schwach auf der Brust, wird hinter vorgehaltener Hand moniert. Ein Medienstar, vom Stand der internationalen Diskussion abgekoppelt, lautet ein anderer Vorwurf. Rürup selbst räumt ein: Die theoretische Erkenntnis voranzubringen, das sei nicht sein erstes Ziel. "Ich finde es reizvoller zu gucken: Welche theoretischen Erkenntnisse gibt es, und wie kann ich damit ein konkretes Problem lösen?" Aber er betont: "Hinter allen Vorschlägen steckt immer eine Theorie, ein Konzept."

Der Vorwurf, er habe wissenschaftlich den Anschluss verloren, trifft ihn daher umso härter. Quatsch sei das. Er wisse ziemlich genau, wo auf seinem Gebiet die Forschungsfront verlaufe. Wer sei denn erst kürzlich als fast einziger Deutscher zu einer internationalen Fachtagung über Rentensysteme in die USA eingeladen worden? Rürup gibt sich selbst die Antwort: "Rürup." Und wer schreibe in Fachpublikationen wie "The Current State of Economic Research"? Natürlich - "Rürup!"

Sein wissenschaftliches Selbstverständnis beschreibt er so: "Ich bin ein Marktökonom, kein Marktideologe." Den Markt sieht er als "das effizienteste Instrument, das wir haben", blind vertrauen will er ihm aber nicht. "Der Markt bedarf immer der Steuerung über politische Rahmenbedingungen."

Hier spricht der Sozialdemokrat, zu dem Willy Brandt und Karl Schiller ihn Ende der sechziger Jahre gemacht haben. Doch sein SPD-Parteibuch hinderte ihn nicht, auch CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm in Rentenfragen zu beraten. Und über die Politik seiner Genossen kann Rürup sich im Zweifel fürchterlich aufregen. "Der Koalitionsvertrag", bemängelte er beispielsweise jüngst, "atmet keine Visionen."

Viele seiner Forderungen sind für "traditionelle Sozialdemokraten der blanke Horror", räumt er ein. "Aber ich bin ja kein Parteisoldat." So macht er sich seit Jahren für eine längere Lebensarbeitszeit stark und maßvolle Lohnrunden, für einen Niedriglohnsektor und Einschnitte beim Kündigungsschutz. In einem Punkt ist er aber ganz Genosse: "Einkommensumverteilung ist für das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft wichtig", soziale Sicherung sei unverzichtbar. "Aber wer das so sieht, muss gerade ein guter Ökonom sein, um diese Ziele wachstumseffizient umzusetzen."

Seine Sicht der Dinge weckt Misstrauen, und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Konservative unkten, mit Rürup als Wirtschaftsweisen rücke der Rat zweifelsfrei "nach links". Als der designierte Chef der Reformkommission für die Sozialsysteme jüngst einige seiner altbekannten Thesen wiederholte, forderten Teile der SPD-Fraktion prompt seine Abberufung. Eine Darmstädter Arbeitsloseninitiative sieht in ihm gar den "neoliberalen Bonzen" - und versuchte im April 2001, ihm eine Torte ins Gesicht zu schleudern. Rürup wich aus und nimmt die Sache bis heute sportlich: "Ich war schneller."

Die Medien hingegen, sie lieben den Professor Dr. Dr. h.c. - schließlich ist der Wirtschaftsweise fast immer gut für ein knackiges Zitat. Und Rürup liebt die Medien. 10 bis 15 Interview-Anfragen laufen täglich bei ihm auf, "die ganz große Mehrheit lehne ich ab", beteuert er. Aber natürlich genießt er das Interesse - und kann mit fast kindlicher Faszination über die gut 2300 Treffer staunen, die eine Internet-Suchmaschine zu seinem Namen liefert.

Seine Mitarbeiter an der Uni nehmen das Sendungsbewusstsein mit Ironie - und haben ihm ein Schild geschenkt, wie man es sonst in Rundfunkstudios findet: "On Air", lautet der Warnhinweis über der Bürotür des Chefs. Bei seinen Studenten genießt er einen guten Ruf. Seine Vorlesungen sind gut besucht, auch Montag morgens um acht. "Ich habe bei ihm unheimlich viel gelernt", schwärmt beispielsweise Sylke Schließmann, die 1995 bei Rürup Examen machte. Derzeit aber kommt die Lehre offenbar ein wenig zu kurz. Heutige Studenten berichten: "Man sieht Herrn Rürup hier relativ selten", sagt Michael Schlott, "aber wenn er da ist, dann ist es hochinteressant."

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