Darüber spricht Miami
Wahl digital oder: Nie wieder Florida

Das Auszählungs-Desaster von Florida bei den US-Präsidentschaftswahlen ist noch gut in Erinnerung. Diesmal soll alles anders werden - dank moderner Technik.

Florida, Lochkarten, Wahl-Desaster. Erinnern Sie sich noch? Genau: Es waren die US-Präsidentschaftswahlen 2000 - das größte Hickhack, seit es Stimmenauszählungen gibt. Schlecht gestanzte Lochkarten, als handele es sich um einen Verwaltungsakt der Adenauer-Ära, brachten die Experten damals zur Weißglut und hielten die Gerichte wochenlang auf Trab. Am Ende wurde der texanische Außenseiter George W. Bush mit einem Vorsprung von 567 Stimmen in Florida zum mächtigsten Mann der Welt gekürt, obwohl sein demokratischer Gegen-Kandidat Al Gore landesweit führte.

Vorbei! Denn jetzt soll alles anders werden: "Wahl digital" lautet das neue Zauberwort - zumindest in einigen Bezirken Floridas. Dort können die Bürger bei den am Dienstag stattfindenden Kongress- und Gouverneurswahlen per Fingerdruck auf einen Bildschirm abstimmen. Auch in Miami-Dade County, wo das Auszählungs-Debakel von 2000 die höchsten Wellen schlug, sind Lochkarten passe. Die Daten werden elektronisch gespeichert und nach Schließung der Wahl-Lokale abgerufen. Judy Anderson, die die per Mattscheibe getätigten Vorwahlen am 10. September im Distrikt Charlotte County überwachen durfte, ist des Lobes voll: "Das ist das reibungsloseste Verfahren in meiner 36-jährigen Karriere."

Doch ganz so einfach läuft es nicht. Denn der Wahlakt besteht nicht nur aus zwei digitalen Kreuzchen. Nein, die Bürger Floridas stimmen über insgesamt mehr als 20 Einzelpunkte ab. Neben den Kandidaten für das Repräsentantenhaus in Washington und für den Gouverneurs-Posten im Bundesstaat geht es um Richter- und Kommunalbeamte sowie um elf Verfassungsänderungen: Die Liste reicht von der Verkleinerung von Schulklassen bis zur Abschaffung der Käfighaltung für trächtige Schweine.

Eine 15-seitige Wahlbroschüre wurde an die Haushalte des Sonnenstaates verschickt, um den Prozess so transparent wie möglich zu machen. Wer gut vorbereitet ist, ist in zwei Minuten durch, sagen die Experten. Im anderen Fall kann es bis zu 20 Minuten dauern.

Doch offensichtlich hat nicht jeder den vollen Durchblick. In einigen Lokalen für Frühwähler im Bezirk Miami-Dade bildeten sich dieser Tage lange Schlangen. Im Extremfall mussten Leute zwei Stunden warten, bis sie an die Reihe kamen. "Das ist ja wohl ein Witz", moserte der 49-jährige Rick Dunn und machte auf dem Absatz kehrt. Der Exil-Kubaner Eduardo Perez, der eine kurze Pause beim Golfspiel zur Wahl nutzen wollte, schüttelte dagegen nur den Kopf: "Ich verstehe das Problem nicht - das Ganze ist doch so einfach zu bedienen wie ein Bankautomat."

Ob es diesmal besser klappt? Die Parteien haben vorsichtshalber schon mal ihre juristischen Bataillone in Bewegung gesetzt. Für die Demokraten stehen 1000 Rechtsanwälte Gewehr bei Fuß, bei den Republikanern sind es immerhin 350. "Wir sind auf Alarmstufe rot", betont der Chef der Republikaner in Florida, Al Cardenas.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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