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Das Anthrax-Trauma in Amerika

Durch diese Marmorgänge wuselt normalerweise die politische Elite der Nation. Doch heute ist das Bürogebäude des US-Senats menschenleer, eine Geisterkulisse. Der Anthrax-Anschlag auf den Kongress hat Amerikas politisches Herz getroffen, der Politik eine Zwangspause verordnet. Das Teuflische daran: Es ist ein unsichtbarer Terror. Kein Qualm, kein zerstörtes Gebäude. Noch nicht einmal eine kaputte Scheibe. Aber die Angst vor weiteren Bio-Anschlägen ist umso größer.

NEW YORK. Senatsbüro 509 vor einer Woche: Im Postkorb des demokratischen Mehrheitsführers Tom Daschle liegt ein handgeschriebenes Briefkuvert. Angeblicher Absender: die vierte Klasse der Greendale School in Virginia. Doch statt Bilder und Wünsche der Kinder ist ein feines, aber gefährliches Pulver in dem Umschlag: Anthrax, der Erreger von Milzbrand. Beim Öffnen verteilen sich die Sporen im ganzen Raum.

31 Angestellte des Senats und zwei Sicherheitsbeamte sind seitdem positiv auf Anthrax getestet worden. Auch im Büro des Senators Russell Feingold, das neben Daschles Raum liegt, wurden Milzbranderreger gefunden. "Die Sorge liegt bedrückend über uns", sagt ein Angestellter des Senats. Fast zeitgleich flimmert die Nachricht über die Fernsehschirme, dass im Arbeitszimmer des New Yorker Gouverneurs George Pataki ebenfalls Anthrax-Sporen entdeckt wurden.

Die politische Klasse in Washington versucht unterdessen krampfhaft, Handlungsbereitschaft zu demonstrieren. "Wir werden weitermachen und den Kampf gewinnen", sagt der demokratische Oppositionsführer im Repräsentantenhaus, Richard Gephardt. Zustimmendes Nicken vom republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, Dennis Hastert.

Dennoch, in ihre Büros können sie nicht mehr zurück. Das Repräsentantenhaus ist bis Dienstag geschlossen. Die Angestellten wurden bereits nach Hause geschickt. Das politische Zentrum in Washington musste notgedrungen schließen - zum ersten Mal, seit die Briten 1814 das Parlament niederbrannten. In den Gängen des Capitols sieht man nun Gummianzüge und Sauerstoffflaschen statt eleganter Stoffe. Spezialisten untersuchen derzeit jeden Schreibtisch auf Anthrax, jede Tastatur, jeden Telefonhörer, kurzum jede einzelne Oberfläche. Zudem müssen Luftproben genommen werden, um eine Ansteckung durch Einatmen auszuschließen. All das dauert in den riesigen Gebäuden, mindestens bis Dienstag, vielleicht auch länger.

Der Präsident scheint indes über der Gefahr des Bioterrors zu schweben. Auf der Luftwaffenbasis im kalifornischen Travis, einer Zwischenstation auf seiner China-Reise, nutzt George Bush die Gelegenheit zum Fernsehauftritt. "Wir machen Fortschritte im Krieg gegen das Taliban-Regime", verkündet er. Das Wort "Anthrax" kommt in seiner Rede nicht vor. Das Drehbuch ist auf Optimismus, Mut und Überlegenheit getrimmt. "Die Leute scharen sich in diesen Zeiten hinter einem starken Präsidenten", sagt Bill Schneider, einer der bekanntesten politischen US-Kommentatoren. "Erst wenn dem Chef des Weißen Hauses etwas passieren würde, dann wäre das Land richtig gelähmt."

Blumenkübel sind nur noch Beton gefüllt

Im Capitol werden derweil weitere Blumenkübel mit Hilfe von Tiefladern in die Zugangsstraßen der Parlamentsgebäude gestellt. Statt mit Pflanzen sind sie mit Beton gefüllt. Selbst vor einem Eingang des Senatsgebäudes stehen nun Straßensperren. Diese halten zwar Autos und vielleicht auch Panzer ab, doch gegen feines Pulver können sie nichts ausrichten.

Wissenschaftler machen sich ernste Sorgen. "Wer Anthrax in derart feiner Pulverform herstellt, muss ein Experte sein, oder er bekommt es von Profis geliefert", sagt Christopher Davis, Chefbrater für biologische und chemische Fragen bei der Consulting-Firma Veridian. "Aufgrund der hohen Qualität der Anthrax-Proben müssen wir davon ausgehen, dass wir es mit absoluten Profis zu tun haben", meint auch der politische Analyst Norman Ornstein vom American Enterprise Institute, einem Think Tank in Washington.

Die Schlange vor der medizinischen Teststelle für Anthrax in der Nähe des Capitols wird derweil immer länger. Allein am Tag, als die ersten positiven Ergebnisse aus Daschles Büro bekannt wurden, ließen sich 1 400 Personen testen. Dabei wird ein Abstrich in der Nase genommen, mit dem schnell festgestellt werden kann, ob sich dort Sporen befinden. Ist das Ergebnis negativ, heisst das aber noch nicht, dass man keine Milzbranderreger in seinem Körper trägt. Dazu müssen im Abstand von einigen Tagen zwei Blutproben genommen und ein Antikörpertest durchgeführt werden. Bei den Parlamentsangestellten stehen diese Ergebnisse größtenteils noch aus. Dass die Krankheit bei den Betroffenen ausbricht, halten Experten indes für unwahrscheinlich, da sie früh mit Antibiotika behandelt wurden.

Gleichwohl hat Amerika Angst. Allein bei der Polizei in Washington rufen pro Tag zwischen 50 und 100 Leute an, um "verdächtige Päckchen" zu melden, erklärt ein Sprecher. "Die Leute sind völlig verunsichert." Psychologen sprechen bereits vom "Anthrax-Trauma". "Niemand weiß, ob und wo und wann er getroffen werden kann", betont Julia Turovsky, stellvertretende Direktorin an der Psychoklinik der Rutgers University. Inzwischen reagierten die Menschen auf jede weiße Substanz nahezu panisch, meint Julia Turovsky. "Das kann der Beginn einer Massen-Hysterie sein."

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