Das britisch-mediterrane Land ist auf festem EU-Kurs
„Malta zur Ritterzeit war wie Brüssel heute“

Als wäre man in San Francisco. Schnurgerade und steil fällt die Republic Street ab zum Meer, schachbrettartig breiten sich die Nebenstraßen aus - genauso steil hinunter zum Wasser. Doch die Dimensionen sind anders. La Valletta ist viel kleiner als die kalifornische Metropole, in einer Stunde ist die Hauptstadt der Republik Malta bequem umrundet und durchquert.

LA VALLETTA. Sie ist aber auch viel älter - an jeder Ecke steht ein architektonisches Zeugnis der Zeit der Ritter, die 1522 von Rhodos nach Malta kamen. Originale sind der Großmeisterpalast und die Häuser der "Landsmannschaften" der Ritter allerdings nicht, denn La Valletta wurde wie die ganze Insel im Zweiten Weltkrieg beim deutsch-britischen Luftkrieg zerbombt.

Die Vergangenheit ist heute kein Trauma mehr für die rund 400 000 Malteser, die 1964 von Großbritannien unabhängig wurden. Ein kleines, schnelles modernes Land, das ist der erste Eindruck des Fleckens 100 Kilometer von Sizilien und 200 Kilometer von der nordafrikanischen Küste entfernt. "Unser Vorteil ist die geostrategische Lage im Mittelmeer", sagt Außenminister Joe Borg, "und wir wissen um unsere Verantwortung als Brücke zwischen Europa und Nordafrika."

"Dadurch, dass das Land so klein ist, kommt man schnell an die politischen Entscheider, schneller als in Deutschland", sagt die Deutsche Helga Ellul, CEO von Playmobil, die seit 30 Jahren auf Malta lebt. "Wenn wir mit einem Premierminister reden müssen oder mit einem Finanzminister, dann reden wir mit ihm, und die Entscheidung wird auf dieser Ebene gemacht, egal wer regiert, wir hatten nie Probleme."

Am 1. Mai wird Malta EU-Mitglied. Mit der EU kommt der Wettbewerb, denn durch die mit dem Beitritt verbundene Harmonisierung der Gesetze fallen viele Vergünstigungen für ausländische Investoren weg. So brauchten bis vor kurzem Unternehmen, die auf die Insel kamen, 10 Jahre lang keine Steuern zu zahlen. "Jetzt brauchen wir eine neue Strategie, vorher war es viel einfacher", meint dazu Henry Borg, ein Namensvetter des Außenministers und Präsident der zu Jahresbeginn gegründeten deutsch-maltesischen Handelskammer: "Wir müssen auf die geographische Lage setzen und unsere Fähigkeit, neue Technologien schnell zu beherrschen."

Die Standort-Vorteile der kleinen Republik für Investoren werden von jedem Malteser ungefragt aufgezählt: Flexibilität, britische Disziplin und Sprachkenntnisse - fast jeder spricht drei Sprachen. Alle wissen, dass es auf der dicht bebauten Insel keine Rohstoffe gibt.

In der Innenpolitik ist Stabilität eingekehrt, seit die oppositionelle Labour Party (MLP) ihren Anti-Europa-Kurs radikal geändert hat. Vor sechs Jahren hatte die Labour Party, als sie für zwei Jahre ans Ruder kam, die EU-Mitgliedschaft auf Eis gelegt und große Unsicherheit hervorgerufen. Jetzt, nach erfolgreichem EU-Referendum und Parlamentswahlen, die die europafreundliche Nationalist Party (NP) gewonnen hat, ist sie auf EU-Kurs eingeschwenkt. Schon bereiten sich auch Labour-Kandidaten auf die Europawahlen vor, in Brüssel und Straßburg suchen sie Anschluss an die Fraktion der Sozialisten im Europaparlament.

Gute Noten für Malta kommen vom Internationalen Währungsfonds (IWF), obwohl das Defizit auf rund 7 % des Bruttoinlandsproduktes angewachsen ist. Im druckfrischen Länderbericht wird zwar Sparen angemahnt, doch die Gesamtnote ist gut. Wenn auch die Exportzahlen gesunken seien, so wären doch die anderen Daten gut: Vor allem die niedrige Arbeitslosenrate von 6,6 %. ,,Maltas Finanzsystem ist gesund", heißt es in dem Bericht zur Freude von Finanzminister John Dalli.

Den Besucher nimmt weit mehr der witzige britisch-mediterrane Mix der Menschen und Lebensart ein. In Malta wird links gefahren und italienisch gegessen, stur Schlange gestanden und dem Fremden sizilianische Gastfreundschaft entgegen gebracht, dazu kommt uralte arabische Gelassenheit. Immerhin, die Tempel im Landesinneren sind älter als die Pyramiden. Doch noch prägender waren die multikulturellen Ritter, die ihre Paläste nach ihrer Herkunft benannten: Auberge de Castille, heute der Amtssitz des Ministerpräsidenten, Auberge d'Italie, wo das Tourismus-Ministerium untergebracht ist. "Malta zur Zeit der Ritter war wie Brüssel heute", sagt Henry Borg.

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