Das Duell und die Mode
Was Schröder und Stoiber mit ihren Krawatten sagen

Bei allen Differenzen - in der Krawattenfrage waren sich Kanzler und Kandidat einig. Kleidungs-Fachleute sehen deshalb auch keinen modischen Gewinner.

dpa HAMBURG. Viele Zuschauer des TV-Duells von Gerhard Schröder und Edmund Stoiber staunten am Sonntagabend über die zunehmende Deckungsgleichheit von Kanzler und Herausforderer - zumindest in der Kleiderfrage. Hob sich Stoiber bei der ersten Runde vor zwei Wochen noch mit einer blau-silbern gestreiften Krawatte vom roten Modell des Kanzlers ab, waren nach Stoibers Umschwenken auf Rot beim Binder diesmal nur noch die weißen Kragen in Weite und Schnitt etwas anders. "Es gab keine modischen Gewinner", sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Herrenmode in Köln.

Dunkler anthrazitfarbener Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte mit helleren Streifen im Aufwärtstrend - zu besichtigen waren zwei Männer, ein Ziel, ein Outfit. "In der Endphase des Wahlkampfs stehen die Inhalte im Vordergrund", sagt Müller-Thomkins. Die Kleidung solle nicht ablenken - insofern bewertet er die Anzugwahl trotz Uniformität durchaus als geglückt. "Was wäre los gewesen, wenn der Kanzler im Samtanzug aufgetreten wäre?"

Zufall war die Modewahl nach Ansicht des Herrenmoden-Experten nicht: "Man muss davon ausgehen, dass die Herren durchgestylt sind, auch wenn es sehr zurückhaltend aussah." Im Hintergrund prüften die jeweiligen Berater seiner Überzeugung nach genau den ersten Durchgang, und alles wurde auf die blaue Studio-Dekoration abgestimmt. Das weiße Hemd stand schließlich für Unbeflecktheit und Offenheit, der Anzug verhielt sich neutral, und nur die Krawatte blieb übrig für Akzente - wie bei Männern auch im Geschäftsleben üblich.

Wie muss man nun dieses vielbeachtete Stückchen Stoff lesen? "Rot gibt Dynamik, Emotion, Lebendigkeit und Engagement wieder", sagt Müller-Thomkins, "die Streifen sind ein modisches Erscheinungsphänomen."

Für Siegfried Müller, der eine aktuelle Ausstellung zum Thema im Landesmuseum Oldenburg zusammengestellt hat, sind diese Symbole nichts Neues. "Kleider haben zu allen Zeiten Politik gemacht", sagt er. Bei seinen Recherche entdeckte Müller, dass Spitzenpolitiker sich heute mit größtem Stilbewusstsein kleiden.

So trägt Hans-Dietrich Genscher seine bekannten gelben Pullover nicht nur aus Identität mit der Farbe der FDP. "Gelb ist hell und freundlich, wie er selbst", habe Genscher ihm gesagt. Von der Strickweste Helmut Kohls bis zu Schals und Pullovern von Claudia Roth (grün), Walter Momper und Ludwig Stiegler (jeweils rot) wimmelt die politische Landschaft von Zeichen aus Stoff. Schon Adenauer habe ein Pepitahütchen als Symbol der Westintegration verwendet.

"Diese Art der Symbolik ist heute allerdings viel feiner geworden", sagt Müller-Thomkins. Platzte angesichts der Turnschuhe des hessischen Umweltministers Joschka Fischer Mitte der 80er noch manch Wertebewussten der Kragen, so müsse man im rot-grünen Kabinett heute schon genauer hinsehen, um in den Anzügen und Kostümen die bewusst eingesetzten Zeichen von Lockerheit oder Jugendlichkeit zu sehen.

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