Das Emirat könnte Ziel irakischer Vergeltungsschläge werden
Kuwait rüstet Ölindustrie für den Krieg

Kuwait rüstet sich für den immer wahrscheinlicher werdenden Fall, dass in seinem Nachbarland Irak der Krieg ausbricht. Höchst gefährdet ist dann die Ölproduktion des Emirats. Sollte die Rohölförderung auch nur ins Stocken kommen, wäre der psychologische Schaden groß. Und der Ölpreis dürfte weiter steigen.

PARIS. Angesichts des drohenden Irak-Kriegs bereitet sich die kuwaitische Erdölindustrie auf mögliche irakische Vergeltungsschläge vor. Mit mehr als zehn Gefährdungsszenarien will sich das Emirat gegen Schäden auf Erdölfeldern, an Raffinerien und Chemie- Anlagen wappnen sowie den Transport des Rohöls sicherstellen.

"Die Verschiffung ist die Achillesferse der Branche", sagt Nader Sultan, Chef der mächtigen staatlichen Kuwait Oil Corp. Deshalb habe man alte Pläne hervorgeholt, eigene Tanker für den Öltransfer aus dem Persischen Golf einzusetzen, falls sich andere Reeder weigern sollten, dem Kriegsgebiet zu nahe zu kommen. "Mein Alptraum ist ein Angriff mit chemischen Waffen. Davor habe ich Angst, weil wir dann mit dem Unbekannten konfrontiert werden," sagt Sultan.

Weltweit hat die Branche, zumindest für eine gewisse Zeit, den Ausfall irakischer Erdölexporte im Fall eines Kriegs schon einkalkuliert. Die Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) haben zugesagt, dann mit der Erhöhung ihrer eigenen Förderung gegenzusteuern. Irak führt derzeit unter strikten Auflagen der Vereinten Nationen rund 1,7 Mio. Barrel (je 159 Liter) pro Tag (bpd) aus.

Wenn allerdings auch noch die Lieferungen aus Kuwait wegfallen sollten, dann könnte die Opec in die Bredouille geraten. Kuwait gehört mit einem täglichen Rohölexport von 2,7 Mio. bpd zu den weltweit größten Erdölexporteuren. Sollten die Lieferungen des Landes - immerhin 2,7 % des weltweiten Angebots - ausfallen, dann könnte der Erdölpreis stärker als erwartet steigen und zu einer verstärkten Freigabe von Erdöl aus den strategischen Beständen der USA, Japans, Deutschlands und anderer Industrienationen führen. Der Ölpreis ist wegen der Lieferunterbrechungen aus dem wichtigen Förderland Venezuela, das lange durch einen Generalstreik lahmgelegt worden war, und der Angst vor einem Irak-Krieg im vergangenen Jahr bereits um zwei Drittel gestiegen.

Schwerwiegende Auswirkungen auf den Ölpreis hätten natürlich Unterbrechungen des Nachschubs aus Saudi-Arabien. Der mit 8 Mio. bpd größte Rohölexporteur der Welt könnte aber durch Aktivieren bisher nicht genutzter Förderkapazitäten eventuelle Ausfälle zu einem großen Teil wettmachen. Und die Möglichkeit, dass Irak die saudiarabische Erdölindustrie unter folgenreichen Beschuss nehmen wird, schätzen Experten als eher gering ein.

Kuwait dagegen ist als Angriffsziel viel anfälliger. "Irak hat das Potenzial, den Norden Kuwaits mit nicht-konventionellen Waffen anzugreifen", urteilt Roger Diwan, Analyst bei der Branchenberatung PFC Energy in Washington - also mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass irakische Vergeltungsschläge Schäden in Kuwait anrichten, schätzt er auf 15 bis 20 Prozent. Angesichts dieser Risiken hat etwa der Ölmulti BP damit begonnen, zwei Drittel seiner Mitarbeiter aus Kuwait abzuziehen.

Die Vorbereitungen Kuwaits umfassen vor allem Notfallpläne, wie die Förderung auf eine andere Anlage verlagert werden kann, falls eine Raffinerie getroffen wird. Die Armee hat ihre Sicherheitsvorkehrungen rund um Erdölanlagen verschärft, um sie gegen Terrorattacken zu schützen. Die kuwaitischen Schifffahrtsstraßen dürften wie während des Golfkriegs vor zwölf Jahren offen bleiben. Aber wenn Basra im Süden des Irak und in unmittelbarer Nachbarschaft des Emirats bombardiert werden sollte, könnten Kapitäne sich weigern, kuwaitische Häfen anzulaufen.

Falls sich der Krieg hinzieht, und der Persische Golf zu riskant wird, dann will Kuwait sein Rohöl zu größeren Tankern außerhalb des Golfs bringen. Seine Gesellschaft verfüge über 21 Tanker, die Rohöl transportieren könnten, sagt Kuwait-Oil-Chef Sultan. In der Theorie könnte diese Flotte den Zwischentransport für alle kuwaitischen Exporte übernehmen. Aber die kuwaitische Tankerflotte wurde bisher nicht zusammengezogen und schippert noch über alle Weltmeere.

Zwar dürfte eine kurze Unterbrechung der kuwaitischen Lieferungen die Erdölmärkte nicht bedeutend beeindrucken. "Aber der psychologische Schaden könnte dennoch groß sein", meint ein Branchenexperte.

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