Das Ende der Internet-Revolution
Vom Prediger zum Sündenbock

Sie nannten ihn "Pitchman", den Super-Verkäufer: Robert Pittman, die Nummer Drei des Mediengiganten AOL Time Warner. Seit vergangener Woche ist der einstige Star abserviert - Opfer seiner großen Versprechungen über das Internet als Wachstumsmotor.

Mit dem Abgang Pittmans bei AOL Time Warner verschieben sich die Machtverhältnisse. Die Internet-Fraktion ist auf dem absteigenden Ast - die Gegenreformation hat bereits begonnen. "Die Fusion fängt jetzt erst richtig an", sagt Ann Moore. Sie gehört als frisch gekürte Vorstandsvorsitzende von Time Inc zu den Gewinnern der neuen Ordnung. Der bisherige Time-Chef Don Logan bezeichnete das Internet einst als "schwarzes Loch".

Der Haussegen zwischen den ungleichen Partnern hängt schief. Vor allem die Time Warner-Veteranen sind sauer. Die Aktienoptionen, die sie bei der Übernahme bekommen haben, sind nichts mehr wert. Der Kurs von AOL Time Warner sackte von über 50 $ zum Zeitpunkt der frechen Übernahme auf nun 11 $.

Die Wall Street wurde in ihren Grundfesten erschüttert, als der Emporkömmling, das Internetportal AOL, den größten Medienkonzern Time Warner im Januar 2001 für die enorme Summe von 124 Mrd. $ übernahm. Die Partner sollten gegenseitig von ihrem Abonnentenstamm profitieren.

34 Mio. Kunden wirft alleine AOL in die Waagschale. Time Warner publiziert mit People, Sports Illustrated und Time die drei umsatzstärksten Magazine in den USA. Das Heimkino HBO gilt als "Powerhouse". Die Serien "Sopranos", "Sex And The City" und "Six Feet Under" haben sich als Quotenrenner erwiesen und reihenweise Emmys eingesammelt. Selbst die Kritiker zeigten sich zunächst von den Möglichkeiten der Promotion und des Merchandising für die Kassenschlager "Harry Potter" und "Herr der Ringe" beeindruckt.

Als operativer Vorstand und Chef des Internetzweigs AOL sollte Pittman die von Chairman Steve Case und CEO Richard Parsons vielbeschworenen Synergien in harte Dollar ummünzen. "Mr. Convergence", der Vereinigungs-Mann, titelte die US-Presse.

Der Sohn eines Predigers gilt als Überzeugungstalent. Vielleicht hat Pittman etwas zu blind an seine eigenen Botschaften geglaubt, vermuten nun Freunde und Kollegen. Denn 19 Monate nach der Mega-Fusion ist sein Auftrag gescheitert. Die Partner haben es nicht geschafft, sich gegenseitig ihre Kunden zuzuspielen.

Im ersten Quartal fielen die Anzeigeneinnahmen von America Online um 31 %. Corporate America spart nicht nur bei IT-Investitionen, sondern auch bei den Werbeausgaben. Für das abgelaufene Quartal erwarten die Analysten der Deutschen Bank einen Einbruch der Werbeeinnahmen um weitere 51 %. Eine Besserung ist in den nächsten Monaten nicht in Sicht. Nun sollen es die Fusionskritiker richten.

Don Logan und Jeff Bewkes, die beide aus der Time Warner Ecke kommen, sollen sich künftig die Aufgaben von Pittman teilen. Und auch sie starten mit großen Vorschusslorbeeren. Der 50-jährige Bewkes, der bisher HBO leitete, soll die Kabelnetzwerke sowie die Entertainmentsparte inklusive der Warner Bros. Studios übernehmen.

Logan, bisher Vorstandsvorsitzender von Time, erbt das Sorgenkind America Online. "AOL hat ein strukturelles Problem. Die ganze Welt setzt auf Highspeed Internet, während das amerikanische Portal immer noch auf die analoge Technik baut", sagt Francis Martin, CEO des Konkurrenten US Media Group.

Trotzdem scheint der Wechsel auf der Vorstandsebene nicht ganz unumstritten zu sein. "Newsweek" berichtet, dass sich Steve Case, AOL-Gründer und amtierender Chef des Aufsichtsrats, vom Medienriesen verabschieden will. Das Unternehmen weist zwar die Spekulationen zurück, dennoch bleibt Unsicherheit am Markt zurück.

Jegliche Behauptung, dass Steve Case das Unternehmen verlassen oder die jüngsten Managementveränderungen nicht unterstützen würde, entsprechen nicht der Wahrheit, so eine Sprecherin des Medienkonzerns. Der neue Vorstandsvorsitzende Dick Parsons habe die volle Unterstützung von Case, was die personellen Entscheidungen betrifft.

Laut "Newsweek!" sei Case mit der Wahl des neuen Vorstands nicht einverstanden gewesen. In dem Artikel wurde die Führungsetage als turbulent und instabil bezeichnet.

Die Neuordnung bei AOL stand ganz oben auf der Titelseite der "New York Times". Damit wird klar: Das World Wide Web hat den Alltag verändert, aber nicht die Gesetze der Wall Street. Die Internetrevolution ist beendet.

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