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Das Ende der Renn-Spätzle

Hockenheim wappnet sich für die Feierlichkeiten zu Ehren des Weltmeisters. Die Fans müssen sich jedoch mit den alten Schumacher-Käppis zufrieden geben. Für die Produzenten der neuen Version, die demnächst beim Bäcker angeboten wird, kam der Titelgewinn zu früh.

Grundsätzlich traut die Konkurrenz diesem Ferrari F 2002, der Michael Schumacher bis zum Saisonende über die Ehren-Runden bringen soll, alles zu. Beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim funktioniert der Wunder-Rennwagen auch noch als Job-Maschine: Nach der bisherigen Rekordfahrt ist nach Angaben des Veranstalters der Eintrittskartenverkauf noch einmal so sprunghaft angestiegen, dass die Hockenheimring GmbH zusätzliche Telefonistinnen beschäftigen musste, um die Restkarten unters Renn-Volk zu bringen. Erstmals seit Jahren gibt es wieder Tagestickets.

Die Schumacher-Euphorie soll nach dem Titelgewinn im Rekordtempo beim Formel-1-Heimspiel nicht abreißen, sondern so richtig auf Touren kommen. Den Slogan dafür prägt der Schumacher-Macher Willi Weber: "In Frankreich haben wir gewonnen. Zuhause in Hockenheim werden wir feiern." Der Stuttgarter spricht völlig korrekt im Plural - während sein Schützling auf der von 6,8 auf 4,5 Kilometer verkürzten Asphaltschleife auf weitere Rekordjagd geht (er kann die 100-Punkte-Schallmauer für diese Saison durchstoßen und seine Gesamtpunktzahl auf über 900 treiben), beginnt hinter der Tribüne der Sommerschlussverkauf, allerdings zu Festpreisen. Von ehemals 350 Produkten der Schumacher-Kollektion sind nach Angaben Webers noch 250 im Angebot, der Rest wurde gestrichen. Fanartikel wie "Renn-Salami", "Renn-Spätzle" oder die Schumacher-Büste als Leuchte stehen längst nicht mehr im Katalog.

"Wenn Produkte ein gewisses Limit nicht erfüllen, haben wir kein Interesse daran, sie weiter anzubieten", so Weber: "Bei Michael haben wir zu viel gemacht. Wir sind zu sehr in die Breite gegangen." Demnächst soll die Zahl sogar unter 100 sinken. Dass der historische Titelgewinn als Injektion für das weitgehend gesättigte Souvenirgeschäft taugt, glaubt der Manager selbst nicht so recht: "Ich erwarte keinen wirklichen Boom. Es lief schließlich schon immer alles konstant gut. Michael war stets gut zu verkaufen." Je nach Artikel fallen zwischen drei und 15 Prozent für Schumacher ab, was um die vier Millionen Dollar pro Jahr einbringen dürfte.

Das wichtigste Ersatzteil der Fans, das charakteristische Rotkäppchen, ist nach dem fünften Titel ohnehin noch nicht auf dem neuesten Stand. Die Käppis sind noch in Produktion und sollen in den nächsten Wochen zunächst exklusiv mit den warmen Semmeln in den Filialen von Großbäcker Kamps über den Tisch gehen. Immerhin steckt hinter der Ladenkette seit der Übernahme durch Barilla auch eine deutsch-italienische Co-Produktion, und jede verkaufte Mütze bringt einen Euro für das Projekt "Brot in Not".

Der Ruhm ist frisch, der Boom scheint vorerst nicht in Gefahr. Wer in diesen Tagen den Südwestrundfunk hört, gewinnt angesichts der in nahezu jeder Sendung beworbenen Veranstaltung ("Noch einmal schlafen, dann kommt Schumi") den Eindruck, dass es im Badischen noch einmal um alles geht. Findet auch der Champion. Schumacher kennt noch Steigerungsformen, Hockenheim ist für ihn auf jeden Fall etwas "extrem Besonderes".

Der Heimatsender fühlt sich offenbar in der Pflicht. Das Land hat schließlich ein Viertel zu den 62 Millionen Euro Umbaukosten für das neue Motodrom zugeschossen, das die einsamen Waldgeraden ablöst und die Strecke auf modernen Grand-Prix-Standard bringt. Pünktlich zum 70. Geburtstag hat die Strecke einen neuen Namen bekommen - offiziell heißt sie nun Hockenheimring Baden-Württemberg.

Die 40 000 Zuschauer, die auf den neuen Tribünen ihren Platz finden, wird etwas anders mehr freuen: Statt der mageren 45 Umläufe rasen die 22 Autos nun 67 Mal an ihnen vorbei. Und es werden wohl wirklich 22 Boliden sein: Max Mosley, der Präsident des Automobil-Weltverbandes FIA, hat dem klammen Rennstall Arrows Sanktionen angekündigt, falls sich in Hockenheim die Farce von Magny-Cours wiederholen sollte. Dort mussten die Arrows-Piloten im Qualifying absichtlich bremsen, um sich nicht für das Rennen zu qualifizieren.

Für alle Ferrari-Gegner bringt die in der Rekordbauzeit von einem halben Jahr umgekrempelte Arena einen psychologischen Vorteil mit sich: Endlich mal eine Strecke, auf der Schumacher im Ferrari (noch) nicht gewonnen hat. Ob damit wieder ein Fernseh-Marktanteil von 55,4 % zu erreichen ist? Der nebenberufliche RTL-Kommentator Niki Lauda, dessen erfolglosem Jaguar-Rennstall von der Ford-Führungsspitze gerade ein Ultimatum gestellt worden ist, hat im Magazin "Stern" vor der Langeweile der Dominanz gewarnt. Die Umwandlung der Formel 1 in die Formel Schumacher findet der Österreicher "fad", die Leute könnten mit Michael nicht leiden ("Der ist ja permanent oben"), und würden sich fragen: "Was soll der Schwachsinn noch?" Außerdem lebe der Kerpener "deutsches Bessersein" vor.

Gegenredner Weber hebt gerade die kontrollierte Leidenschaft, den Ehrgeiz und die Perfektion als Gewinn bringende und vorbildliche Charaktereigenschaften hervor. Das Ferrari-Team wird sich zwar nun stärker darauf konzentrieren, dass Rubens Barrichello den zweiten Platz in der WM-Wertung erreicht und der vierte Konstrukteurstitel in Folge für die Scuderia unter Dach und Fach kommt. Aber Schumacher lässt auch in eigener Sache beim Party-Grand-Prix nicht nach: "Es gibt keine Zahl, die mich herausfordert, es gibt nur wieder jedes Rennen. Es ist nicht so, als hätte ich alles erreicht." Schumpagner für alle.

Quelle: Handelsblatt

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