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Das Ende eines Experiments

Der Traum ist ausgeträumt: Die weltweiten ICANN-Wahlen vom Oktober 2000 werden wohl auf absehbare Zeit die letzten und einzigen ihrer Art bleiben.

Es ist noch nicht lange her, da schaffte es ein gewisser Andy Müller-Maguhn bis in die Fernsehnachrichten. Alle Welt blickte voll Faszination auf das Internet, und Müller-Maguhn, der als Sprecher des Chaos Computer Clubs bis dato nur in der Hacker-Szene bekannt gewesen war, war in das Direktorium des Internet Corporation of Assigned Names and Numbers (ICANN) gewählt worden. Die ICANN ist die zentrale Verwaltungsorganisation für die Internet-Adressen.

Das Einzigartige an der Wahl war, dass sie weltweit stattfand und im Prinzip jeder Internet-Teilnehmer seine Stimme abgeben konnte. Es schien ein einzigartiges Experiment zu sein: Die Netizens tun sich zu einem weltüberspannenden Gemeinwesen zusammen und wählen auf demokratische Weise ihre Regierung.

Der Traum ist ausgeträumt: Zuerst gab es viel Ärger um das Wahlverfahren. Die Akkreditierungsfristen für die Teilnahme an der Wahl waren kurz bemessen, nur einige Zehntausend konnten am Ende überhaupt mitstimmen. Dann stellte sich heraus, dass die gewählten Direktoren nur äußerst wenig zu melden hatten. Die Strippen zog der Verwaltungsapparat um ICANN-Präsident Stuart Lynn. Von Internet-Regierung konnte keine Rede sein.

Jetzt zieht die ICANN die Konsequenzen: Weitere Wahlen wird es vorerst nicht geben, beschloss das Direktorium im März auf seiner Sitzung in der ghanaischen Hauptstadt Accra. "Die Fairness, Repräsentativität, Aussagekraft und Finanzierbarkeit weltweiter Online-Wahlen durch eine leicht manipulierbare Menge selbsterklärter und kaum verifizierbarer Wähler" sei äußerst zweifelhaft, so der Beschluss. Von den fünf gewählten Direktoren stimmte nur einer, der Nordamerika-Vertreter Karl Auerbach, dagegen. Müller-Maguhn, Vertreter Europas, hatte noch den Versuch unternommen, die Nachfolge der gewählten Direktoren per Beschluss zu regeln - vergebens. Voraussichtlich werden die gewählten Netizen-Vertreter im November verschwinden.

Es sind viele Träume geträumt worden im Zusammenhang mit dem Internet. Dieser war nicht der geringste darunter. Was bleibt? Das Internet bleibt weiter fest in der Hand der US-Regierung. Die ganze Netizen-Idee geht den Weg aller Utopien. Und ein schaler Nachgeschmack.

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