Das Ergebnis wird denkbar knapp
Die US-Wahl wird regional gewonnen

Der Zweikampf Bush gegen Kerry konzentriert sich auf wenige Bundestaaten.

HB WASHINGTON. Wer US-Präsident werden will, muss über spezielle Kenntnisse in höherer Mathematik verfügen. Denn das amerikanische Wahlsystem schreibt ein höchst kompliziertes Verfahren vor, das ein sehr umstrittenes Ergebnis ermöglicht: Ins Weiße Haus zieht nicht immer derjenige ein, der von einer Mehrheit der Amerikaner gewählt wird - sonst hätte Al Gore 2000 das Rennen gemacht. Sieger ist vielmehr, wer die meisten der 538 Wahlmännerstimmen ergattert.

Jedem der 50 Bundesstaaten wird nach seiner Bevölkerungszahl ein gewisses Kontingent an Wahlmännerstimmen zugeteilt. Zudem gilt in 48 der 50 Staaten das Mehrheitswahlsystem: Der Kandidat mit den meisten Stimmen gewinnt alle Wahlmännerstimmen, der zweitplatzierte geht leer aus. Nur Maine und Nebraska haben ein Verhältniswahlrecht, wo die Wahlmänner entsprechend des Stimmenergebnisses verteilt werden.

Damit ist es das oberste Ziel der Wahlkampfzentralen, sich mindestens 270 Wahlmännerstimmen zu sichern. Da die meisten Staaten von vorneherein eine eindeutige Tendenz zu republikanischen oder demokratischen Mehrheiten haben, bleiben sie im großen Kampagnen- Zirkus außen vor. Heiß umkämpft bleiben jene elf Staaten, in denen die Mehrheiten auf der Kippe stehen: die so genannten "battleground states" - "Schlachtfeld-Staaten".

Computer errechnen verschiedene Möglichkeiten

Am gewichtigsten unter ihnen sind Florida (27 Wahlmänner), Pennsylvania (21) und Ohio (20). Doch im Visier der Strategen liegt vor allem der Kern des Mittleren Westen: Michigan, Wisconsin, Minnesota und Iowa. Diese Staaten hatten in den letzten Jahren einen massiven Abbau von Industriejobs zu verkraften, was eher der Agenda des demokratischen Kandidaten John Kerry entgegen kommt. Deshalb liegt der Oppositions-Mann in den Städten vorn. Doch seine Führung ist keineswegs erdrückend, Präsident George W. Bush konnte mit seinem Anti-Terror-Krieg teilweise gegenhalten. In der ländlichen Bevölkerung ist er ohnehin unangefochten. Hier zählen konservative Themen wie das Nein zu Abtreibung und Homoehe.

Der Präsident schlug im Mittleren Westen die "Taktik des Trojanischen Pferdes" ein. Er reiste verstärkt in Staaten, die 2000 demokratisch gewählt haben - Michigan, Minnesota oder Iowa. Der Präsident spielt dabei die Karte der konservativen Werte. Eine Marschroute, die sich offenbar ausgezahlt hat: Bush holte auf und konnte das Rennen offen gestalten. Die gleiche Linie verfolgt er in der demokratischen Hochburg Hawaii, wo Kerrys Vorsprung geschrumpft ist. Deshalb flog Vizepräsident Dick Cheney gestern auf das Ferienparadies im Pazifik, um Unentschlossene ins Lager der Republikaner zu treiben. Kerry schickte hingegen seine Tochter Vanessa dorthin.

Angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse in den elf "battleground states" kann es zu bizarren Situationen kommen. Computer haben 33 Möglichkeiten errechnet, die zu einem Patt von 269 zu 269 Wahlmännerstimmen führen könnten - vorausgesetzt, alle anderen Staaten wählen wie erwartet. Eine derartige Hängepartie ergäbe sich etwa, wenn Kerry Florida, Minnesota und New Hampshire gewinnt, während Bush Ohio, New Mexico und Wisconsin holt. Bei einem absoluten Gleichstand träte der zwölfte Zusatz der US-Verfassung von 1804 in Kraft: Das Repräsentantenhaus würde dann den Präsidenten wählen und der Senat den Vizepräsidenten. Bleiben beide Kammern in republikanischer Hand, hieße dies eine zweite Amtszeit für Bush.

Selbst bei den Wahlmännern sind im Falle eines Unentschiedens Überraschungen möglich. Sollte Bush West Virginia gewinnen, könnte ihm ein republikanischer Wahlmann einen Strich durch die Rechnung machen: Der Bürgermeister von Charleston, Richie Robb, hat angedeutet, dass er nicht für den Präsidenten stimmen werde - aus Protest gegen den Irak-Krieg und die Wirtschaftspolitik. Doch derlei Ausreißer sind selten, denn die Parteien vergeben die Wahlmänner-Posten an treue Mitglieder. Zehnmal ist dies im Laufe der US-Geschichte vorgekommen, wobei dies nie das End-Ergebnis beeinflusst hat.

Die Hürden für eine Abschaffung dieses Wahlmännersystems sind hoch: Dazu wäre eine Verfassungsänderung nötig, die von beiden Häusern des Kongresses und 38 Landesparlamenten abgesegnet werden müsste. 700 Versuche gab es in den letzten 200 Jahren, den alten Zopf abzuschneiden - alle vergeblich.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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